Das Schild am Eingang des Schweinestalls von Landwirt Hans (56) und Marion Thune (52) in Tappendorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) warnt den Besucher, der auf einer feuchten Fußmatte mit Desinfektionsmittel seine Schuhe abtritt.
1.200 Schweine werden in 120 Tagen hochgefüttert, im Jahr sind es drei Durchgänge. Insgesamt bringt der Landwirt pro Jahr 10.000 bis 12.000 Schweine «zur Schlachtreife» - die meisten, ohne
Antibiotika verabreichen zu müssen.
«Mich hat geärgert, dass in Berichten über massive Antibiotika-Verabreichung in der Geflügelzucht es hieß "dies gilt auch für die Schweine- und Rinderzucht", aber das stimmt nicht!». So begründete Thun, warum er und der
Bauernverband am Mittwoch die Presse auf seinen modernen Betrieb für Massentierhaltung eingeladen haben.
In 26 Jahren hat Thun 3,5 Millionen Euro in den Hof investiert, der seit 1540 im Familienbesitz ist. Allein 1,8 Millionen Euro flossen in zwei 2006 und 2003 gebaute Schweinsställe.
Durch die Mitte des abseits gelegenen Stalles führt ein langer Besuchergang. Links und rechts liegen isoliert die Stallungen, einsehbar nur durch Glasscheiben in den Wänden. «Wir wollen das Ansteckungsrisiko - meist sind es schwere Grippen und Lungenentzündung - möglichst gering halten», erklärt Thun.
Jeweils etwa 200 Tiere wachsen in einem separaten Abteil auf, das wiederum in Boxen mit je 17 Tieren aufgeteilt ist. Jedes Tier hat Anspruch auf 0,75 Quadratmeter. Aus Tierschutzgründen muss jede der 6 mal 2,5 Meter großen Boxen eine Kette mit Spielball haben - zur Ablenkung der Schweine. Die Temperatur ist computergesteuert: 26 Grad bei den jungen Tieren, 17 bis 18 Grad bei den älteren. Im Sommer wird es aber kaum kühler als die Außentemperatur. «Wir haben keine Kühlanlage», sagt Thun.
Die
Gülle fällt durch den Beton-Rippenboden, «bester Dünger», wie Thun sagt. Gefüttert wird nachts um drei und um 14:00 Uhr in der Futterrinne mit Flüssigfutter. Thun baut dafür selber auf 160 Hektar Getreide, Mais und Grassaat an. Nach jeder Schweineaufzucht werden die Stallungen gereinigt und desinfiziert.
Rund 6.000 Euro gibt der Landwirt im Jahr für den Tierarzt aus. «Da sind bereits sämtliche Impfungen mit drin», sagt Thun. Antibiotika erhalten nur kranke Tiere - «das sind etwa weniger als fünf Prozent meiner Schweine». Vor sechs Jahren einmal musste Thun einen ganzen Bestand mit Antibiotika behandeln. Zehn Tage kosteten 8.000 Euro.
Nordrhein-Westfalens Verbraucherminister Johannes Remmel (Grüne) legte im Herbst eine Auswertung seines Hauses vor: 96 Prozent der Masthähnchen hatten demnach Antibiotika bekommen. Anders sehe es in der Schweinemast aus, betonte Klaus-Peter Lucht, Vorsitzender des Kreisverbandes Rendsburg-Eckernförde des Bauernverbandes. Jede Verschreibung werde im Medikamenten-Bestandsbuch dokumentiert.
Der Bauernverband unterstützt die Absicht der Bundesregierung, den Antibiotika-Einsatz weiter herunterzufahren. «Antibiotika dürfen aber nicht verboten werden, wir müssen kranke Tiere behandeln können», sagte Lucht.
Im Vordergrund müsse die wissenschaftliche Entwicklung neuer, tiergerechter Stallkonzepte stehen. Auch der Neubau solcher Ställe müsse finanziell gefördert werden. Dadurch könnte Erkrankungen vorgebeugt werden. Schleswig-Holstein sei das einzige Land, dass den Bau moderner Ställe nicht fördere. Die anderen Bundesländer förderten bis zu 30 Prozent der Kosten.
Um das Erkrankungsrisiko in der Schweinemast gering zu halten, sollten vor allem die «Bio-Sicherungsmaßnahmen» ausgebaut werden, sagt Ulrich Goullon, Referent für Tierhaltung beim Bauernverband Schleswig-Holstein. Dazu zählt zum Beispiel, dass ein Landwirt möglichst nur von einem einzigen Ferkel-Erzeuger-Betrieb seine Ferkel bezieht wie das Thun macht. Das Keimrisiko sei dann gleich.
Isolierte Besucherschleusen, optimale Hygiene-Standards, Ungezieferbekämpfung im Stall, eine gute Qualität des Futters seien weiterte Aspekte. Und als ferne Vision, die aber nur für Großbetriebe gelten könne: Dass die Pharmaindustrie betriebsindividuelle Impfstoffe entwickelt. «Dann wären Antibiotika praktisch überflüssig.»
Deutschland sei auf einem guten Weg. In den Nachbarländern Frankreich und Niederlande würden etwa doppelt soviel Antibiotika in der Schweinemast eingesetzt. (dpa/lno)