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06.06.2011 | 19:47
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EHEC-Erreger noch immer nicht gefunden - Sprossen-Verdacht bleibt
Hannover/Bienenbüttel - Die Suche nach dem EHEC-Erreger geht weiter. Der Verdacht, dass Sprossengemüse eines niedersächsischen Biohofes die Quelle für die Ausbreitung des lebensgefährlichen Darmbakteriums ist, hat sich zunächst nicht bestätigt.

EHEC-Erreger (Foto: Niedersächsisches Gesundheitsamt)
Erste Laboruntersuchungen von Sprossen des betroffenen Hofes fielen am Montag negativ aus. Dennoch vermutet das Verbraucherministerium in Hannover weiter, dass Sprossen dieses Betriebes Auslöser der EHEC-Epidemie mit bislang mehr als 20 Toten sind. «Wir halten an dem Verdacht fest», sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne nach Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse.

Der Gärtnerhof in Bienenbüttel im Kreis Uelzen war nach einer Analyse von Lieferwegen als Ausgangspunkt des aggressiven Darmkeims ins Visier geraten. «Unsere Kausalkette ist wasserdicht und plausibel. Sie reißt nicht ab», begründete Hahne den auch nach den negativ ausgefallenen Laboruntersuchungen aufrecht gehaltenen Verdacht.

Wie das Verbraucherministerium am Montag schriftlich mitteilte, stellten sich 23 von insgesamt 40 in dem inzwischen geschlossenen Betrieb genommenen Sprossenproben als EHEC-frei heraus. Bei 17 Proben laufen weitere Untersuchungen. Sie waren unter anderem aus dem Wasser und aus der Lüftungsanlage genommen worden. Die Ermittlungen seien schwierig, weil die Geschehnisse zwei bis vier Wochen zurückliegen, sagte Hahne. Möglicherweise sei der Keim gar nicht mehr nachzuweisen.

Der Gärtnerbetrieb hatte meist über Zwischenhändler Sprossen an zahlreiche Restaurants, Hotels und Kantinen geliefert, deren Gäste teils dutzendfach an EHEC erkrankten. Betroffen waren unter anderem ein Golfhotel im Kreis Lüneburg, ein Restaurant in Lübeck sowie Kantinen in Darmstadt und Frankfurt am Main. Zudem litt eine Mitarbeiterin des Biohofs unter dem durch EHEC ausgelösten blutigen Durchfall, der in der schweren Form HUS Nierenversagen und Hirnstörungen nach sich ziehen kann. Nach Angaben des Geschäftsführers wird auf dem Hof kein tierischer Dünger verwendet. Erkenntnisse erhoffen sich Experten nun von Bürgern, die noch verdächtige Sprossen-Mischungen zu Hause hatten. In Hamburg wird für Dienstag das Ergebnis einer solchen Probe erwartet.

Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hält im Kampf gegen die EHEC-Infektionswelle die Warnung vor dem Verzehr von Sprossen trotz fehlender Nachweise weiterhin für angebracht. Sie halte es für richtig, an dem Verzehrhinweis festzuhalten, «solange der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt ist», sagte Aigner in Berlin. Das Robert Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hielten weiter an der Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salat insbesondere in Norddeutschland fest.

Derzeit sind bundesweit mehr als 2.700 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle registriert sowie mehr als 650 HUS-Fälle und Verdachtsfälle. In Niedersachsen wurden am Montag 503 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle gezählt, 45 mehr als am Samstag. «Der Scheitelpunkt ist leider noch nicht erreicht», sagte ein Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums. Die ebenfalls schwer betroffenen Länder Hamburg und Schleswig-Holstein meldeten eine leichte Entspannung, weil die Zahl der EHEC-Erkrankungen nun zumindest langsamer als noch in der vergangenen Woche steige.

Außerhalb Deutschlands gibt es in Europa bisher rund 100 nachgewiesene EHEC- und HUS-Fälle in elf Ländern - in allen Fällen bis auf einen gibt es nach Informationen des Europabüros der Weltgesundheitsorganisation Verbindungen nach Deutschland.

Das sei tatsächlich der größte Ausbruch mit solchen Bakterien, den es in Deutschland in der Nachkriegszeit gegeben habe, sagte BfR-Präsident Andreas Hensel. Die Fachbehörden seien gut aufgestellt, doch eine solche Untersuchung brauche Zeit. «Um ein Bakterium nachzuweisen, muss man es erst wachsen lassen.» In drei von vier Fällen finde man die Infektionsquelle nicht.

Der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Escherichia coli, Lothar Beutin, verwies auf einen EHEC-Ausbruch in Japan 1996 durch Rettichsprossen, bei dem sich rund 11.000 Menschen infiziert hätten. Damals konnten EHEC-Keime beim verdächtigen Unternehmen nicht nachgewiesen werden, sondern lediglich in Haushalten.

Angesichts des mühsamen Kampfes gegen die EHEC-Infektionswelle wächst die Kritik am Krisenmanagement der Behörden und der Bundesregierung. Die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn sagte der «Passauer Neuen Presse» (Montag): «Die Regierung hat diese Krise vollkommen unterschätzt und sich weggeduckt.» FDP-Generalsekretär Christian Lindner wies die Kritik zurück. «Dass die Grünen sich nun selbst den EHEC-Erreger zunutze machen wollen, um ein parteipolitisches Süppchen zu kochen, ist mehr als unanständig», sagte er «Handelsblatt Online».

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollen sich in dieser Woche mit den zuständigen Länderministern beraten. Das am Mittwoch geplante Spitzentreffen bezeichnete Fraktionsvorsitzende Renate Künast als «reine Show». Stattdessen brauche Deutschland einen nationalen Kontrollplan mit einer Checkliste möglicher Übertragungswege vom Bauern über die Verarbeitung bis zum Restaurant.

Beim Treffen der europäischen Gesundheitsminister verteidigte Deutschland das eigene Vorgehen in der EHEC-Krise gegen Kritik. «Wir hatten den Verdacht und deshalb war es richtig die entsprechenden Verzehrempfehlungen zu geben», sagte Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz in Luxemburg mit Blick auf die Warnungen vor rohen Gurken, Tomaten und Salat. Unterdessen sind sieben EU-Experten in Berlin eingetroffen, um die deutschen Behörden bei der Suche nach dem Erreger zu unterstützen.

Gemüsebauern können unterdessen auf Entschädigung aus Brüssel hoffen. Die EU-Kommission arbeite an einem Vorschlag für kurzfristige Ausgleichszahlungen für die betroffenen Produzenten, sagte der Sprecher von EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos in Brüssel. Eine grundsätzliche Einigung könnten die EU-Agrarminister bereits bei ihrem Sondertreffen an diesem Dienstag in Luxemburg treffen. (dpa)
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