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13.10.2021 | 02:03 | EU-Fischereipolitik 

Fang von Hering und Dorsch in Ostsee wird stark eingeschränkt

Luxemburg - Fischer dürfen in der westlichen Ostsee 2022 keinen Dorsch mehr fangen - und Hering nur noch in Ausnahmen gezielt.

Hering
Die Krise der Ostseefischerei spitzt sich zu: Angesichts einer drohenden Katastrophe für viele Bestände darf 2022 deutlich weniger gefangen werden. Ministerin Klöckner zeigt sich nach der Entscheidung enttäuscht. Auch auf Hobby-Angler kommen Einschränkungen zu. (c) proplanta

Die EU-Länder einigten sich am Dienstag angesichts bedrohter Bestände nach mehr als 24 Stunden Verhandlung darauf, dass beim Dorsch lediglich Beifang in Höhe von knapp 490 Tonnen möglich sein soll und nur noch 788 Tonnen Hering gefischt werden dürfen, wie aus einer Mitteilung der EU-Länder hervorgeht. Gezielte Heringsfischerei mit Schleppnetzen wird untersagt.

In diesem Jahr dürfen EU-weit noch 1.600 Tonnen westlicher Hering und 4.000 Tonnen westlicher Dorsch gefangen werden. Hintergrund der neuen Regeln sind besorgniserregende Entwicklungen vieler Fischbestände in der Ostsee.

In einer Mitteilung wies das Bundeslandwirtschaftsministerium darauf hin, dass es dem Beschluss nicht zustimme. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vergeblich gefordert, dass über den westlichen Hering im Dezember entschieden werden sollte, weil dieser Bestand in nördlichere Gewässer wandert und auch andere Länder ihn fischen.

Verhandlungen mit diesen Ländern sind für Dezember angesetzt. Klöckner befürchtet, dass eine strikte EU-Entscheidung für die Ostsee andere Länder zu einer hohen Fangmenge in anderen Meeren verleiten könnte. Das erwartet auch der Direktor des Thünen-Instituts, Christopher Zimmermann. Die Folge werde sein, dass der Heringsbestand keine Chance bekomme, sich zu erholen.

Weitgehend einig sind sich der Deutsche Fischereiverband, Naturschützer und Ministerium in den Auswirkungen für die deutsche Ostseefischerei: Sie stehe vor dem Aus, sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Sascha Müller-Kraenner.

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) beklagte, dass die jüngste Entscheidung erneut zu Lasten der deutschen Fischerei gehe. Vor allem das strukturschwache Vorpommern, das ein Hauptfanggebiet für Hering sei, leide darunter. Backhaus forderte, den Bestand an Ostsee-Hering als Ganzes zu betrachten und so zu bewirtschaften, dass keine Fischereiregion mehr massiv benachteiligt werde.

Von den bisherigen Entscheidungen hätten immer wieder dänische und schwedische Fischer profitiert, die überwiegend mit größeren Kuttern fischen. «Es darf nicht sein, dass der Fischerei dort mehr Fangmöglichkeiten eingeräumt werden als im Laichgebiet vor der vorpommerschen Küste», verlangte Backhaus.

«Unter dem Strich ist das für die deutsche Fischerei, das muss man ganz klar sagen, eine Katastrophe», sagte Fischerei-Verbandssprecher Claus Ubl der Deutschen Presse-Agentur. Dorsch und Hering seien die «Brotfische». «Und wenn die dermaßen gekürzt werden, dass man sie nicht mehr gezielt befischen darf, dann kann sich jeder ausrechnen, dass da kaum noch ein Fischer von überleben kann», sagte Ubl. Und «wenn ich keinen Fisch fange, kann ich auch Strukturen wie Kühlhäuser, Eismaschinen und anders nicht mehr halten - und wenn die einmal weg sind, sind sie weg.» Dass die Quoten für Scholle und Sprotte angehoben wurden, werde einigen Fischern helfen, zu überleben.

Klöckner sprach von «massivsten Einschnitten» für die Fischerei. Sie kündigte an, sich für eine finanzielle Unterstützung der Fischerei einzusetzen. Der Bund will mit den Ländern ausloten, ob weitere «Abwrack-Maßnahmen» notwendig seien.

Umweltschutzorganisationen reagierten mit gemischten Gefühlen auf das Ergebnis: «Uns bleibt nicht mehr lange, um einen vollständigen Kollaps des Ökosystems in der Ostsee zu verhindern», teilte BUND-Vorsitzende Olaf Bandt mit. Es sei aber ein Schritt in die richtige Richtung gemacht worden. Neben zu hohen Fangmengen in den vergangenen Jahren habe auch der Klimawandel einen negativen Einfluss auf die Populationsentwicklung, betonte die Organisation MSC, die sich für eine nachhaltige Fischerei einsetzt.

Die EU-Länder folgen beim Hering dem Vorschlag der EU-Kommission, beim westlichen Dorsch übersteigt die Einigung den Vorschlag der Brüsseler Behörde um rund 165 Tonnen. Für Deutschland bedeutet das, dass 435 Tonnen westlicher Hering und 104 Tonnen westlicher Dorsch gefangen werden dürfen.

Die DUH kritisiert, dass die Entscheidung hinter den Vorschlägen der Kommission zurückbleibe. Zahlreiche Organisationen für Umweltschutz kritisieren schon seit Jahren zu hohe Fangmengen.

Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack sprach davon, dass die nun beschlossene «Vollbremsung» zu spät komme und die Ostseefischerei sehenden Auges in den Abgrund stürze, weil die EU-Länder jahrelang die Warnungen von Wissenschaft und Umweltschützern ignoriert hätten.

In der Einigung zum Hering findet sich auch eine Ausnahmegenehmigung für Fischerboote unter zwölf Meter, die mit «passivem Fanggerät», also etwa Stellnetzen, weiterhin gezielt Heringe fischen dürfen, wie eine Sprecherin des Bundesagrarministeriums bestätigte.

Doch nicht nur auf Berufsfischer kommen Einschränkungen zu, auch Hobby-Angler sind betroffen: Sie dürfen außerhalb der Schonzeit pro Tag und Person nur noch einen Dorsch und einen Lachs fangen. «Der Fischereistopp hätte auch für die Angelfischerei gelten müssen», sagte Maack. Es sei kaum zu kontrollieren, ob sich alle an das Limit hielten.

Nach Ansicht von Backhaus verlieren Anbieter von Angeltouren mit der strikten Reglementierung vielfach ihre wirtschaftliche Basis. «Denn für einen Fisch pro Tag bucht kaum ein Angler eine Kutterausfahrt», sagte der Minister. Glücklicherweise sei aber das vom ICES empfohlene totale Fangverbot für den Lachs verhindert worden. Küstenangler könnten einen Lachs pro Tag fangen und mitnehmen, wenn es sich um einen markierten Fisch aus künstlicher Aufzucht handelt.
dpa
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