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08.01.2014 | 14:08 | Bioproduktion 

Lebensmittelskandale forcieren Bioboom in China

Peking - Vergiftetes Milchpulver, Schwermetalle im Reis und verseuchtes Mineralwasser: Immer neue Skandale machen Chinas Verbrauchern Angst. Die Furcht bringt der Biobranche einen Boom. Aber Experten zweifeln, ob echtes «Bio» in einem Land mit vielen Umweltproblemen möglich ist.

Bioboom in China
(c) K.F.L. - fotolia.com

Min Dong streichelt sanft über die grünen Blätter. Langsam geht die Unternehmerin durch die Reihen unterschiedlichster Gemüsesorten in einem ihrer Gewächshäuser im Pekinger Bezirk Pinggu. «Bei uns sind jegliche Pestizide tabu, und wir benutzen keine künstlichen Dünger», betont sie.

Mit ihren hochhackigen Schuhen will sie so gar nicht ins Bild eines klassischen Biobauern passen. Weil China seit Jahren von Lebensmittelskandalen erschüttert wird, suchen viele Konsumenten aber händeringend nach Alternativen. Und da kommt Min als smarte Geschäftsfrau gerade richtig.

Sie zählt zu den Vorreiterinnen der jungen Biobranche in China. Min gründete ihre Firma «Tootoo» im Jahr 2008, als ganz China von einem gewaltigen Lebensmittelskandal geschockt wurde: Skrupellose Produzenten hatten die verbotene Chemikalie Melamin ausgerechnet in Milchpulver gemischt, um die Milch künstlich besser erscheinen zu lassen. Mindestens sechs Säuglinge starben, fast 300.000 Kleinkinder erkrankten an Nierensteinen.

Die treibende Kraft des chinesischen Biobooms ist für Professor Zheng Fengtian von der Volksuniversität in Peking neben der allgemeinen Sorge um die Lebensmittelsicherheit die wachsende Mittelschicht des Landes. Denn sie hat das nötige Geld, um ein Vielfaches für die teureren Bioprodukte auszugeben.

«Es sind die Menschen mit einem hohen Einkommen und einem großen Gesundheitsbewusstsein», sagt der Vizedekan der Fakultät für Agrarwirtschaft der Nachrichtenagentur dpa. Zheng schätzt ihre Zahl in China auf bis zu 100 Millionen.

Die Entwicklung der Biobranche steht im Reich der Mitte noch am Anfang. Laut jüngsten Zahlen der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) wurden 2011 mit 1,9 Millionen Hektar nur 0,4 Prozent von Chinas landwirtschaftlicher Fläche für den Anbau von Bioprodukten genutzt. Zum Vergleich: In Deutschland waren es bereits mehr als sechs Prozent. Die Hersteller in China machten demnach im Inland einen Umsatz von 791 Millionen Euro.

Die Veranstalter der Messe «Biofach China» prognostizieren, dass der Markt in Fernost in den kommenden zehn Jahren im Durchschnitt jährlich um 30 bis 50 Prozent zulegen wird. Dort tummeln sich schon jetzt laut Hochrechnung des Branchenverbands «Green Food» knapp 7.000 Unternehmen.

Für Chinas Biohersteller sind die endlosen Lebensmittelskandale aber nicht nur positiv. Auch ihnen begegnen die Verbraucher mit großer Skepsis. «Am Anfang war es sehr schwer, weil wir unsere Kunden erst langsam von unseren Produkten überzeugen mussten», gesteht Firmenchefin Min. Deshalb können die reichen Geschäftsleute aus Peking auch selbst zu der Biofarm fahren und das Gemüse zusammen mit ihren Kindern pflücken. Jeder soll sich vor Ort von der Qualität überzeugen können.

Trotzdem bleibt für viele ein Restzweifel. «Letztlich weiß ich niemals genau, was mit dem Gemüse passiert ist», sagt Frau Sun, die regelmäßig bei «Tootoo» bestellt. Das Essen schmecke besser. Aber nach den ganzen Skandalen mit verseuchtem Milchpulver, belastetem Mineralwasser und jüngst auch Schwermetallen im Reis könne sie keinem Produkt zu 100 Prozent vertrauen, sagt die Pekingerin.

Zu Recht, findet Professor Zheng. Denn während China mit einer gewaltigen Umweltverschmutzung kämpfe, könnten auf den Farmen nicht plötzlich vollkommen unbelastete Lebensmittel entstehen: «Das Hauptproblem ist nicht die Luftverschmutzung, sondern das belastete Wasser und der Boden.» Zwar suchten die Biohersteller möglichst gute Orte, aber in China könne niemand ganz der Umweltverschmutzung entkommen. «Das ist "Quasi-Bioessen"», meint Zheng. Denn immerhin verzichteten die Bioproduzenten auf Pestizide und andere Chemikalien.

In Peking hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sich die Staatsführung in ihrer Residenz «Zhongnanhai» neben dem Kaiserpalast ausschließlich von einem besonders gesicherten eigenen Biobauernhof versorgen lässt. Unternehmerin Min möchte das lieber nicht kommentieren. «Bio ist ein gutes Geschäft», erklärt sie nur vielsagend - und steigt zu ihrem Fahrer in den Luxussportwagen.
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