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19.02.2021 | 06:20 | Zukunftsnährstoff 

Besteht der Dünger der Zukunft aus Algen?

Emden - Teek ist bei Küstenschützern ein unliebsames Mitbringsel, das bei Sturmfluten massenweise etwa an ostfriesischen Deichen angespült wird - für den Emder Gerhard van Hoorn ist dieses Treibgut aus Pflanzenresten dagegen ein Schatz.

Dünger aus Seetang
Das Emder Ökowerk entwickelt einen Bio-Dünger auf Basis von Blasentang. Noch laufen Versuchsreihen. Doch eines Tages, so die Hoffnung der Entwickler, könnte der Nährstoff großflächig in der Landwirtschaft eingesetzt werden und so mehrere Umweltprobleme lösen. (c) proplanta

Zumindest der darin enthaltene Blasentang, der einen großen Teil des Unrats ausmacht. Der Mitarbeiter des Emder Ökowerks hat zusammen mit seinem Team einen Weg gefunden, wie aus dieser olivgrünen Alge zusammen mit anderen Pflanzen ein Nährstoff entsteht. Die Hoffnung: Eines Tages könnte dieser Bio-Dünger nicht nur ein Abfallproblem lösen, sondern in der Landwirtschaft eine Alternative für den sonst herkömmlich, chemisch produzierten Mineraldünger bieten. Ein Zukunfts-Dünger also?

Der Algen-Dünger ist eine Entwicklung aus dem von der EU geförderten SalFar-Projekt, an dem sich das Emder Ökowerk neben anderen Nordsee-Anrainern beteiligt. Das Kürzel «SalFar» steht für Saline Farming. Die Emder suchen dabei nach Ansätzen, wie insbesondere in der Landwirtschaft salztolerante Pflanzen angebaut und verarbeitet werden können. Denn wenn der Meeresspiegel infolge des Klimawandels steigt, könnte das Folgen für Küstenregionen wie Ostfriesland haben.

Mit höheren Meeresständen wächst auch der Wasserdruck. Küstennahe Flächen und Flussmündungen könnten mit der Zeit versalzen. Die Gefahr: Getreide, Kartoffeln und anderes Gemüse könnte auf den Böden dann nicht mehr so wachsen wie gewohnt. Vorausschauend tüftelten die Emder um Gerhard van Hoorn daher an einem natürlichen Dünger, der zum einen die Fruchtbarkeit der Böden erhöht und gleichzeitig Kulturpflanzen darauf resistenter macht. Über Monate liefen Versuche, bis die passenden Rezeptur für den Dünger, der nun in unscheinbaren braunen Pellets daher kommt, gefunden war.

In der Herstellung steckt jede Menge Handarbeit: Der Blasentang wird etwa entlang des Emder Ems-Deichs, wo besonders viel wächst, eingesammelt oder am Ufer gepflückt, wie van Hoorn erklärt. Von Hand befreien ihn die Ökowerk-Mitarbeiter dann von Müll und breiten ihn zum Trocknen aus, bevor er zerkleinert wird. In van Hoorns «Düngerküche» stehen für die Trocknung an der Luft lange Tische bereit. «Aus einer Tonne Blasentang entstehen am Ende 100 Kilogramm Puder für den Dünger», sagt van Hoorn. «Das meiste ist Wasser.»

«Hoorn-Power» nennen die Ökowerker ihren Dünger intern nach ihrem Miterfinder. Zwar ist die genaue Rezeptur geheim, doch bekannt ist, dass der knubbelige Blasentang nicht der einzige Bestandteil des Dünger ist. Denn die gehäckselten, salzigen Algen pur auf Äckern auszubringen, würde den Böden nicht bekommen. Doch im Zusammenspiel mit anderen Pflanzen lässt sich der Salzgehalt des Düngers regulieren, fanden die Emder Tüftler heraus. Neben den Algen finden sich auch Hornklee und Brennnesseln in den Pellets.

Doch lohnt sich der Aufwand für das kleine Bildungszentrum, das von einer Stiftung getragen wird? Das Ökowerk sei eine «Ideenschmiede», stellt Geschäftsführerin Katharina Mohr fest. Großes Geld verdienen will das Werk gar nicht, zumal auch die Kapazitäten für eine große Produktion nicht reichen. Dafür bräuchte es Kooperationspartner. «Wir können aber zeigen, wie es geht», sagt Mohr.

Zwar hätten sich bereits Interessenten für den Öko-Dünger gemeldet, der Bedarf sei daher da - doch noch ist die Algen-Dünger-Produktion nicht rentabel. «Noch haben wir keine Antwort auf die Frage, wie wir die Produktionskosten so gestalten können, dass sie auch zu der Nachfrage am Markt passen», sagt Mohr. Allein für die industrielle Trocknung des Blasentangs würden hohe Stromkosten anfallen.

Für den Emder Landwirt Henrik Freeksen, der den Dünger schon einmal probeweise auf seinem Grünland ausbringen konnte, liegt der Vorteil auf der Hand. Statt konventionellem Kunstdünger, der zwar geballt, aber relativ kurzzeitig wirke, verbessere «Hoorn-Power» über einen längeren Zeitraum den Boden. Bislang düngt der Landwirt seine Felder allein mit Festmist, der Algen-Dünger könnte eine Alternative werden. «Wir sehen schon, dass der Dünger etwas bringt», sagt Freeksen. Um einen messbaren Erfolg festzustellen, sollen im Sommer weitere Testreihen mit dem Ökowerk folgen.

Neben der Bodenverbesserung könnte mit der Emder Erfindung auch ein lästiges Abfallproblem an der Küste gelöst werden. Denn wenn der Blasentank als Teek an die Küste gespült wird und bei Sturmfluten auf den Deichen als Teppich aus Pflanzenresten liegen bleibt, greift er die schützende Grasnarbe der Bauwerke an. «Das ist genauso, wenn im Herbst viel Laub auf den Rasen fällt», erklärt Mohr. «Wenn viel Laub zu lange liegen bleibt, geht der Rasen kaputt.»

Die Deiche müssen daher von dem Material regelmäßig gesäubert werden. Allein der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft,  Küsten- und Naturschutz (NLWKN) entfernt und kompostiert nach eigenen Angaben pro Jahr rund 20.000 Kubikmeter der Pflanzenreste - mit dem Dünger könnte nun eine neue Verwertungsmöglichkeit entstehen.

«Im Grund betreiben wir hier Küstenschutz», sagt auch Gerhard van Hoorn. Er und sein Team arbeiten schon an weiteren Verwendungen. Ließe sich die «Hoorn-Power» in anderer Zusammensetzung auch als Tierfutter für Pferde oder Kühe verwenden? Ob die salzige Alge auch Tieren schmeckt, wollen die Ökowerker als nächstes herausfinden.
dpa
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