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26.09.2020 | 11:36 | Aktueller Rat Pflanzenschutz 

Getreide: Herbstbehandlung ja oder nein?

Karlsruhe - C. Erbe, Pflanzenschutzberater für Ackerbaukulturen im Bereich des Landwirtschaftsamtes Bruchsal, widmet sich heute der schwierigen Frage Herbizidbehandlung in Wintergetreide im Herbst.

Herbstbehandlung Getreide Herbizide
(c) proplanta
In Verbindung dazu gibt der renommierte Fachmann wieder konkrete Empfehlungen zum Einsatz von Herbiziden.

Wintergerste/Winterroggen:

Auch wenn die teilweise dramatischen Eindrücke der letztjährigen Schlammschlacht bei der Wintergetreideaussaat noch stark in den Köpfen ist, sollte bei der diesjährigen Aussaat nichts überstürzt werden. Zahlreiche Gründe sprechen gegen eine zu frühe Saat, besonders bei Wintergerste! Stellen sie sicher, dass kein Ausfallweizen in Wintergerste aufläuft. Dies kann durch eine tiefere Bodenbearbeitung nach dem Regen gewährleistet werden.

Im konservierenden Verfahren gilt es den Auflauf des Ausfallweizens nach dem Regen abzuwarten und dann chemisch oder mechanisch zu beseitigen. Weiterhin minimiert ein späterer Saatzeitpunkt die Infektion der Gerste mit Viren, verursacht durch Läuse und Zikaden. Besonders Läuse treten dieses Jahr vermehrt in Körnermais und Zwischenfrüchten (Ausfallgetreide!) auf.

Wir gehen dieses Jahr von einem verstärkten Befallsdruck durch Läuse in Wintergerste aus. Auch in Bezug auf die Abreifekrankheit Ramularia scheint ein späterer Saatzeitpunkt vorteilhaft zu sein. Vor dem Hintergrund des Wegfalls von Chlorthalonil ab der Saison 2021, kommt diesem Sachverhalt einer größeren Bedeutung zu.

Zur Herbizidbehandlung:

Da im Herbst hauptsächlich bodenaktive Wirkstoffe zur Verfügung stehen, ist auf ein feinkrümliges Saatbeet und ausreichend Bodenfeuchte zu achten. Zudem sollte der Boden gut rückverfestigt sein. Der Schwerpunkt einer Ungrasbekämpfung liegt weiterhin auf dem Wirkstoff Flufenacet. Flufenacet-Produkte sind in vielen Solo-Produkten und Packs erhältlich (siehe folgende Liste).

Für eine erfolgreiche Ackerfuchsschwanzbekämpfung müssen 200 bis 240 g/ha Flufenacet eingesetzt werden, bei Windhalm genügen 120 g/ha. Flufenacet-Produkte sollten nach Möglichkeit in den Auflauf der Ungräser appliziert werden. Neben Flufenacet steht ergänzend Chlortoluron (z.B. Toluron 700, Lentipur 700, usw.) zur Ungraskontrolle zur Verfügung. Die Aufwandmengen betragen 2100 g/ha bei Ackerfuchsschwanz bzw. 1400 g/ha bei Windhalm.

Bei schwer bekämpfbaren Ackerfuchsschwanz sollte zu Flufenacet Produkten der Wirkstoff Prosulfocarb (z.B. Boxer, Filon, usw.) zugesetzt werden. Aus Verträglichkeitsgründen ist hier auf eine ausreichende Saattiefe (ca. 3 cm) sowie einen frühen Applikationszeitpunkt (optimal im Vorauflauf) zu achten.

Gegen Unkräuter sind in den meisten Herbstprodukten die Wirkstoffe Diflufenican (DFF) (z.B. Herold SC, Battle Delta, usw.) und/oder Pendimethalin (z.B. Malibu, Cadou Pro Pack) verbaut. DFF hat eine gute Wirkung auf Ehrenpreisarten, Taubnessel, Stiefmütterchen, Ausfallraps und Kreuzblütler. Pendimethalin weist gute Wirkungsgrade gegen Vogelmiere, Kamille, Klatschmohn und Klettenlabkraut auf.

Herbstbehandlung ja oder nein?

Gerade in Wintergerste ist eine Herbstbehandlung unabdingbar, da nur Axial 50 im Frühjahr zur Ackerfuchsschwanz bzw. Windhalmbekämpfung zur Verfügung steht. Sowohl in Wintergerste als auch auf leichten Roggenstandorten nehmen resistente Ungräser, besonders Windhalm, zu. Auf Roggenstandorten ist eine abwechslungsreiche Fruchtfolge eher selten vorzufinden, wodurch häufig Sulfonylharnstoffe (SHS) im Frühjahr zum Einsatz kommen. Durch den Einsatz einer anderen Wirkstoffgruppe im Herbst kann das Resistenzrisiko minimiert werden.

Weitere Gründe für eine Herbstbehandlung:

  • Unkräuter meist ausreichend bekämpft: Nachbehandlungen gegen spezielle Unkräuter gezielt mit günstigen Mitteln möglich (ohne SHS!)
  • Falls Nachbehandlung gegen Gräser erforderlich: Gräser nicht weit entwickelt und leichter zu bekämpfen Sichere Wirkung bei Flächen, die im Frühjahr spät befahrbar sind
  • Arbeitsspitzen in der Regel im Herbst geringer als im Frühjahr

Herbstbehandlung und Verträglichkeitsprobleme

Verträglichkeitsprobleme durch die Herbstbehandlung treten generell immer dann auf, wenn die Kulturpflanze Probleme hat den Wirkstoff abzubauen. Dies kann durch Starkregen (hohe Wirkstoffkonzentration im Boden) oder Stress durch Trockenheit/ Kälte der Fall sein. Besonders Produkte mit Flufenacet und DFF waren in der Vergangenheit von dieser Problematik betroffen.

Sofern Sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit der Herbstbehandlung gemacht haben, bzw. Sie die Verträglichkeitsprobleme abschrecken sollten Sie dieses Jahr einen neuen Anlauf wagen. Die fortschreitende Resistenzproblematik wird Ihnen zukünftig keine andere Wahl lassen. Durch die Zumischung von CTU kann der Flufenacet- und DFF-Anteil bestimmter Produkte reduziert werden. Somit wird eine bessere Verträglichkeit bei gleicher Wirksamkeit gewährleistet. Als Nebeneffekt können durch die Zumischung von CTU zu Flufenacet auch größere Ungraspflanzen erfasst werden.

CTU wird im Gegensatz zu Flufenacet zum Teil auch über das Blatt aufgenommen. Hierdurch wird das Ungras durch CTU über das Blatt vorgeschädigt und anschließend durch die Aufnahme von Flufenacet durch die Wurzel vollständig bekämpft. Die Ungräser sollten jedoch das 2 Blattstadium (Ackerfuchsschwanz) bzw. 4 Blattstadium (Windhalm) nicht überschritten haben.

Mittelempfehlungen – 2020

Wintergerste + Winterroggen - normaler Ungrasdruck

Carmina 640 (3,0 Liter/ha) (Auflagen CTU beachten)

Stadium Ungräser 2- 4 Blatt, Klettenbehandlung im Frühjahr

Wintergerste + Winterroggen - Windhalmstandorte ohne Ackerfuchsschwanz

Trinity (2,0 Liter/ha) (Auflagen CTU / Pendimethalin beachten)

Windhalm darf bereits aufgelaufen sein (max. 4 Blätter). Trinity darf auf drainierten Flächen ab 1. November nichtmehr angewendet werden.

Winterroggen/Wintergerste - erhöhter Ungrasdruck, leichte Böden, Verträglichkeitsprobleme in Vergangenheit

Herold SC + Lentipur 700 (0,3+1,5 Liter/ha) (+ Nikolausspritzung Traxos bei Bedarf)

Behandlung im 2 bis 4 Blattstadium der Ungräser

Wintergerste/Winterroggen erhöhter Ungrasdruck keine Verträglichkeitsprobleme in Vergangenheit

Herold SC + Lentipur700 (0,4+2,0 Liter/ha)

Behandlung im 2 bis 4 Blattstadium der Ungräser

Wintergerste hoher Ungrasdruck

Herold SC + Boxer (0,6+2,0 - 3,0 Liter/ha) Saattiefe mind. 3 cm; möglichst Vorauflauf, weil Einsatz von Boxer in Wintergerste von Phytotox kritisch sein kann

Nikolausspritzung mit Axial 50 (0,9 Liter/ha)

Auflagen CTU (z.B. Lentipur 700, Carmina 640, Toluron 700 SC etc.)

NG 404: ab Hangneigung >2% 20m Abstand zu Oberflächengewässern ausgenommen Mulch-und Direktsaat

NG 405: keine Anwendung auf drainierten Flächen (Außer Trinity. Hier nur ein Verbot zwischen dem 01.11. und dem 15.03.)

NW 605+NW606: Abstandsauflagen zu Oberflächengewässern:

50% Abdriftmindernde Düse: 10m

75% Abdriftmindernde Düse: 5m

NG 411: Keine Anwendung auf Bodenarten reiner, schwach schluffiger und schwach toniger Sand mit Humusgehalt <2,25%

Auflagen Pendimethalin (z.B. Trinity, Malibu, Addition, etc.) und Prosulfocarb (z.B. Boxer, Jura, Filon, etc.)

NT 145 Das Mittel ist mit einem Wasseraufwand von mindestens 300 Liter/ha auszubringen. Das Mittel darf nur mit einem Gerät ausgebracht werden, das in der jeweils aktuellen Liste der abdriftmindernden Geräte mit 90% Abdriftminderung eingetragen ist (auf der gesamten Fläche).

NT 146 Die Fahrgeschwindigkeit bei der Ausbringung darf 7,5 km/h nicht überschreiten.

NT 170 Die Windgeschwindigkeit darf bei der Ausbringung 3m/s nicht überschreiten

(Informationen des Landkreis Karlsruhe vom 25.09.2020)
LTZ Augustenberg
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