Montag, 28.11.2022 | 16:48:49
Vorsprung durch Wissen
schließen x
Suchbegriff
Rubrik
 Suchen
Das Informationszentrum für die Landwirtschaft

27.06.2019 | 06:12 | Obsthandel 

Heimischer Süßkirschenanbau durch Drittlandimporte gefährdet

Meckenheim - „Wie kann es sein, dass z.B. türkische Süßkirschen, die mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, die in Deutschland ein Anwendungsverbot haben, den Weg in die deutschen Supermarktregale finden?", so der Vorsitzende der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg, Ferdinand Völzgen, bei einer Informationsveranstaltung rheinischer Obstbauern am 26. Juni 2019 in Meckenheim.

Kirschenproduktion
Importe aus Drittstaaten gefährden den heimischen Süßkirschenanbau. (c) proplanta

Auch wenn die gesetzlich erlaubten Höchstgehalte an Rückständen von Pflanzenschutzmitteln eingehalten würden, sei es nicht nachvollziehbar, dass diese Kirschen den Weg zum Verbraucher fänden. Denn die Berufskollegen aus der Türkei könnten sich das teure Einnetzen der Kirschanlagen gegen Schädlinge, wie die Kirschfruchtfliege und die Kirschessigfliege, sparen und hätten dadurch einen Kostenvorteil.

Völzgen wies auf einen weiteren Kostenvorteil der türkischen Kirschenerzeuger hin: In Deutschland betrage der gesetzliche Mindestlohn 9,19 €/Std., in der Türkei nach einer Anhebung um 20 % in diesem Jahr trotzdem noch nicht einmal 2,00 €/Std. Er beklagte, dass der Handel, der unter starkem Wettbewerbsdruck stehe, Kirschen aus heimischer Produktion nicht oder nur teilweise in sein Sortiment aufnehme.

„Wir werden dafür abgestraft, dass wir – wie vom Gesetzgeber gefordert – in Sachen Lebensmittelproduktion auf umweltfreundlichere Produktionsverfahren umstellen", so Völzgen. Er stellte die Frage, wo der gelebte Klima- und Umweltschutz bleibe, wenn Nahrungsmittel aus dem Ausland billig eingeführt, die dortigen Produktionsweisen aber nicht hinterfragt würden.

Obstbauer Manfred Felten, auf dessen Betrieb in Meckenheim die Informationsveranstaltung stattfand, baut mit seiner Ehefrau Zuzanna und Sohn Matthias Süßkirschen auf einer Fläche von 1,5 ha an. „Bei der Planung der Anlage haben wir von Anfang an eine Überdachung vorgesehen", so Felten. So könne die Kirschblüte vor Frost geschützt, die Kirschen könnten ohne Angst des Erzeugers vor dem Platzen bei Regen vollreif werden und ihr optimales Aroma erreichen. Durch eine Einnetzung der Bäume könnten mehrere Insektizid-Spritzungen gegen die Kirschessigfliege eingespart werden.

Die weibliche Kirschessigfliege lege bis zu 300 Eier in gesunde und erntereife Früchte, berichtete Dr. Silke Benz vom Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Der Schädling, der aus dem asiatischen Raum stamme, habe sich seit 2014 in Deutschland etabliert und befalle Weichobst, wie Kirschen, Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren. So habe man „gute Erfahrungen mit Netzen als Abwehr und Ausgrenzung der Kirschessigfliege gewonnen, die eine Maschenweite von 0,8 x 0,8 mm aufweisen", informierte Benz.

Der Betrieb Felten habe als Demonstrationsbetrieb mit dem Einnetzen der Obstkulturen gegen den gefährlichen Schädling eine wichtige Rolle übernommen. Die Netze würden nach der Blüte angebracht und unmittelbar nach der Ernte wieder eingerollt, sodass Insekten und Vögel wieder freien Zuflug zur Kultur hätten.

Für viele Verbraucher sei nicht der geringere Energieverbrauch und damit gelebter Klimaschutz das wichtigste Argument für den Einkauf regionaler und saisonaler Lebensmittel, stellte Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale NRW fest. „Solche Lebensmittel können ausreifen und schmecken besser, weil sie frisch sind und nicht schon halbreif geerntet wurden", so Burdick. Die Nähe schaffe Vertrauen und Transparenz, was in globalisierten Märkten immer wichtiger werde.

Am Beispiel der Süßkirschen zeigte Burdick auf, wie hoch der Energieverbrauch für den Transport der Früchte zu den Verbrauchern im Rheinland ist. Bei Kirschen aus der Region in einem Umkreis von 250 km würden bei einem LKW-Transport 25 - 30 ml Erdöl je Kilogramm Kirschen verbraucht, bei Kirschen aus Italien seien es 100 - 150 ml und bei Kirschen aus der Südtürkei etwa 250 ml. „Werden die Kirschen eingeflogen, dann verbraucht dies für 1 Kilogramm Kirschen etwa 1,5 kg Erdöl – mit entsprechend 6-facher Klimabelastung", so Burdick.

Philip Wißkirchen, Vorsitzender der Obstbaujunioren Rheinland und stellvertretender Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg, stellte ein mögliches Szenario für den Einkauf im Jahr 2030 vor, wenn für den regionalen Obstbau keine besseren Bedingungen geschaffen würden. So liege im Supermarkt nur noch Obst von milliardenschweren multinationalen Konzernen aus Asien und Amerika, die in Niedriglohnländern ohne Rücksicht auf Klima und Artenschutz produzieren ließen.

Der deutsche Verbraucher fahre mit seinem Elektroauto zum Supermarkt und kaufe das Obst mit gutem Gewissen ein. Ändern lasse sich das nicht, weil die umweltfreundliche Produktion vor der Haustür abgeschafft worden sei und das Obst stattdessen tausende Kilometer transportiert und die Insekten in den Produktionsländern durch nicht zielorientierten Pflanzenschutz ausgestorben seien.

„Die Aufrufe an die Politik sind essentiell wichtig, aber es wird Zeit, dass jeder einzelne seinen Beitrag zum Klimaschutz leistet", so Wißkirchen. Er rief die Verbraucher dazu auf, beim Einkauf genau auf das Etikett des Obstes zu schauen und durch den Einkauf von regional erzeugtem Obst viele Tonnen CO2 und andere Treibhausgase einzusparen sowie die heimische Wirtschaft zu unterstützen und Arbeitsplätze in der Region zu sichern.

Im Namen vieler junger Obstbäuerinnen und Obstbauern bat Wißkirchen die Verbraucher um Unterstützung der Familienbetriebe aus der Region, die unter modernsten Technologien klimafreundlich und unter Beachtung des Natur- und Artenschutzes Obst produzierten.
lz-rheinland
Kommentieren
weitere Artikel

Status:
Name / Pseudonym:
Kommentar:
Bitte Sicherheitsabfrage lösen:


  Weitere Artikel zum Thema

 Leichter Rückgang der Baumobstanbaufläche 2022 in Sachsen-Anhalt

 Gutes Kirschenjahr 2022: Vorjahresernte um mehr als ein Viertel übertroffen

 Rheinland-Pfalz: Äpfel dominieren, Pflaumen und Zwetschgen leicht im Plus

 Schlechte Apfelernte in Thüringen erwartet

 Kirschen, Pflaumen, Äpfel: Dürre macht Obstbauern zu schaffen

  Kommentierte Artikel

 Kauf-nix-Tag soll zum Umdenken anregen

 Grippewelle 2022/23: So früh und stark wie selten

 Bayernweites Verbot von Geflügelschauen nach Vogelgrippe-Ausbruch

 Rheinland-Pfalz: Kein Agrarland-Verkauf in größerem Stil an Investoren

 Reduzierung der Waschbären: Appelle und Aufklärung statt Gewehre?

 Deutschland im Rennen um besten Klimaschutz leicht zurückgefallen

 Özdemir lobt Ausbau von Transportwegen in die Ukraine

 Schaffung landwirtschaftlicher Flächen Hauptgrund für Artenschwund

 Bundesregierung setzt beim Moorschutz auf Freiwilligkeit und Kooperation

 Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Trinkwassergebieten verbieten

Proplanta online mit Werbung und Cookies nutzen

Wir und unsere Partner nutzen Tracking (insb. Cookies), um unsere Webseiten für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend zu verbessern, sowie zur Ausspielung von News, Artikeln, Informationen und Anzeigen.

  • Informationen auf einem Gerät speichern und/oder abrufen
    • Für die Ihnen angezeigten Verarbeitungszwecke können Cookies, Geräte-Kennungen oder andere Informationen auf Ihrem Gerät gespeichert oder abgerufen werden.
  • Datenübermittlung an Partner in den USA (Drittstaatentransfer)
    • Durch das Klicken des „Zustimmen“-Buttons willigen Sie gem. Art. 49 Abs. 1 DSGVO ein, dass auch Anbieter in den USA Ihre Daten verarbeiten. In diesem Fall ist es möglich, dass die übermittelten Daten durch lokale Behörden verarbeitet werden.
  • Einbindung von externen Multimedia-Inhalten
    • Für eine umfassendere Informationsdarstellung nutzen wir auf unseren Websites Inhalte von Dritten, wie z.B. Social Media- oder Video-Plattformen, angezeigt. Dabei werden durch diese Dritten, die auch zu den oben genannten Partnern zählen, Daten verarbeitet.
  • Personalisierte Anzeigen und Inhalte, Anzeigen- und Inhaltsmessungen, Erkenntnisse über Zielgruppen und Produktentwicklungen
    • Anzeigen und Inhalte können basierend auf einem Profil personalisiert werden. Es können mehr Daten hinzugefügt werden, um Anzeigen und Inhalte besser zu personalisieren. Die Performance von Anzeigen und Inhalten kann gemessen werden. Erkenntnisse über Zielgruppen, die die Anzeigen und Inhalte betrachtet haben, können abgeleitet werden. Daten können verwendet werden, um Benutzerfreundlichkeit, Systeme und Software aufzubauen oder zu verbessern.
  • Genaue Standortdaten verwenden
    • Ihre genauen Standortdaten können für einen oder mehrere Verarbeitungszwecke genutzt werden. Das bedeutet, dass Ihr Standort bis auf wenige Meter präzise bestimmt werden kann.
Mit Abo nutzen Nutzen Sie proplanta.de ohne Tracking, externe Banner- und Videowerbung für 4,95 € / Monat. Informationen zur Datenverarbeitung im Abo finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in den FAQ.