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20.11.2021 | 11:38 | Schwindende Bestände 

Fisch aus Schleswig-Holsteins Seen macht nur noch Wenige satt

Bösdorf - Leben können die Brüder Johannes und Harald Schmidt schon lange nicht mehr von dem, was sie aus dem Dieksee ziehen.

Angler in Schleswig-Holstein
Schleswig-Holsteins Seen sind beliebte Anziehungspunkte, auch für Hobbyangler. Vom Fischertrag wirtschaftlich leben können aber die wenigsten Binnenfischer. Volle Netze sind selten geworden. (c) proplanta
Dennoch legen sie Netze und Reusen immer wieder aus, um Aale, Barsche oder Maränen aus dem klaren ostholsteinischen Wasser zu holen. Gerade einmal ein knappes Dutzend Barsche sind es an diesem kühlen Novembermorgen, die nur ein paar Euro in die Kasse bringen.

«Wir machen es, weil wir Lust dazu haben und noch fit sind», sagt der 71 Jahre alte Johannes Schmidt. Gemeinsam mit dem drei Jahre jüngeren Harald betreibt er das kleine Familienunternehmen in dritter Generation nur noch als Zubrot. Beide sind längst keine Berufsfischer mehr - aber die Rente ist nicht üppig.

Früher, sagt Harald Schmidt, habe der Dieksee - immerhin fast vier Quadratkilometer groß - drei Familien ernährt. Der Großvater hatte 1919 den See vom Herzog von Oldenburg gepachtet. Die Fischereirechte liegen heute per Vertrag mit dem Land bei den Brüdern.

Wenn der Kontrakt in ein paar Jahren ausläuft, müssen die Beiden das Gelände mit kleiner Räucherei und Anlegesteg räumen. Bis dahin aber wollen sie weiter sehen, was die Netze hergeben. An Nachfrage mangelt es jedenfalls nicht. Neben Stammkunden aus der Umgebung kommen auch Urlauber in den winzigen Verkaufsraum.

Warum sind die Fischbestände so stark zurückgegangen? «Der Kormoran», sagt Harald. «Er muss fressen, weil er einen hohen Energiebedarf hat und er frisst alles, von Aal bis Zander.» Einzelne Vögel wären kein Problem, sagt der 68-Jährige. Aber im Sommer machten manchmal 1.000 Kormorane an einem Tag Jagd am Dieksee. Die Fische seien im warmen Wasser eine leichte Beute, weil sie dann in der Nähe der Oberfläche schwimmen.

Nach Angaben des Umweltministeriums fraßen Kormorane in einem untersuchten Zeitraum von 2014 bis 2016 rund 228 Tonnen Fisch pro Jahr aus den Binnengewässern des Landes. Der Wert errechnet sich aus der Zahl der Tiere, deren Aufenthaltsdauer und dem täglichen Nahrungsbedarf.

Auf die bewirtschafteten Seen bezogen waren es rund 95 Tonnen pro Jahr. Die Fischer holten den Zahlen zufolge etwa 200 Tonnen Fisch pro Jahr aus den Gewässern. Von den 28.000 Hektar Seen im Land (mit mindestens einem Hektar Größe) wurden im Untersuchungszeitraum 42 Prozent bewirtschaftet.

Es gebe noch weitere Gründe für den Ertragsrückgang, sagt Johannes. Das Wasser sei über die Jahrzehnte klarer geworden, es würden weniger Nährstoffe eingeschwemmt. Es gibt einfach weniger zu fressen im See. Der Zander etwa sei rar geworden, denn der liebe eher trübes Wasser.

Beim Aal gelten strenge Schutzvorschriften. Aus Haralds Sicht sinnlos, solange sich der Kormoran bedienen darf. «Warum sollen wir nicht Aale fangen, wenn der Kormoran ohnehin alle weg frisst?» Von der Landesregierung erwarten die beiden keine Hilfe. Dabei gefährde der Hunger der schwarzen Jäger sogar bedrohte Arten wie den Eisvogel, sagt Johannes. Beim Aal geht das Umweltministerium von einer Komoranfangmenge von 1,55 Tonnen pro Jahr aus (2014-2016). In den Netzen der Fischer landete in diesem Zeitraum 8,25 Tonnen Aal im Jahr.

Ein weiteres Problem ist der Rückgang der Schilfgürtel an den Seeufern. Diese sind Rückzugsräume und Kinderstube der Fische. Ursache für den Rückgang ist nach Angaben der Vorsitzenden des Verbands der Binnenfischer und Teichwirte in Schleswig-Holstein, Sabine Schwarten, wesentlich die wachsende Zahl der Graugänse.

Schwarten nennt die Entwicklung «katastrophal». Graugänse fressen das Schilf verstärkt während der Mauser ab, wenn sie nicht gut fliegen können. Dann suchen sie Schutz in der Deckung der Schilfbestände.

Am Großen Eutiner See, den sie bewirtschaftet, seien gerade noch zwei Prozent der früheren Schilfflächen übrig geblieben. Dieser Verlust habe schwerwiegende Folgen für die Biodiversität, weil mit dem Schilf auch zahlreiche Mikroorganismen und Insektenarten verschwinden. Das betrifft die gesamte Nahrungskette. Der Lebensraum für zum Beispiel Rohrdommeln, Blässhühner, Haubentaucher, Schilfrohrsänger oder Rohrweihen verschwindet. Außerdem nimmt die Erosion der Ufer zu.

Nach Angaben des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) ist die Zahl der Kormoran-Brutpaare im Land seit Mitte der 1990er Jahre relativ konstant. Gestiegen sei aber die Zahl der rastenden Vögel. Schwarten berichtet von einem Zuwachs der Vogelzahl um rund 35 Prozent in drei Jahren.

Die Graugans darf im Gegensatz zum Kormoran gejagt werden. 2019/2020 seien fast 16.000 Tiere geschossen worden, berichtet das LLUR. Schwarten nutzt am Großen Eutiner See die Möglichkeit, Grauganseier einzusammeln und sie nach einigen Tagen ausgekühlt wieder in die Nester zu legen. So wird der Bruterfolg reduziert.

Für den Rückgang des Schilfs ist nach Untersuchungen im Auftrag des LLUR Gänsefraß nur zum Teil verantwortlich. Andere Gründe seien fehlende Wasserstandsschwankungen durch Staubauwerke, Wellenschlag, Beschattung oder Fraß durch Weidetiere und Bisam.

Viele Binnenfischer haben nach Schwartens Angaben in den vergangenen Jahren aufgegeben. Von ehemals 75 Vollerwerbsbetrieben seien gerade noch 13 übrig, viele davon mit einem zweiten Standbein.

Angeln ist in den vergangenen Jahren zum Modesport geworden und ein kleines bisschen profitieren die Brüder Schmidt von dem Trend. Wer im Dieksee fischen möchte, braucht die Genehmigung der Pächter, die tageweise gegen eine kleine Gebühr zu haben ist. Auch drei Boote liegen am Ufer bereit, die Angler mieten können. Kein Geschäft, um Familien zu ernähren, aber als Rentenaufbesserung nicht verkehrt.

Andere Binnenfischer, zum Beispiel die Fischerei und Räucherei Lasner in Ascheberg am Großen Plöner See, haben ihr Geschäft um gastronomische Angebote ergänzt. Das sei nie ihre Sache gewesen, sagen die Brüder. Nicht nur, dass der Platz auf dem Grundstück am Dieksee nicht üppig ist und die Gebäude dem Land gehören. «Wir sind Fischer», sagen beide unisono.
dpa/lno
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