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04.05.2008 | 12:20 | Von der «Kuh des kleinen Mannes» zur Hochleistungsziege 

Nische der Ziegenhaltung bietet Agrarbetrieben gutes Auskommen

Gimmel - Das kleine Dorf Gimmel in Ostthüringen liegt noch in tiefschwarze Nacht gehüllt. Doch die Ställe am Ortsrand erstrahlen bereits hell im Neonlicht. Die derben Ausdünstungen hunderter Ziegen wabern durch die Hallen, mischen sich mit dem Geruch von Mist und frischem Stroh.

Ziegenhaltung
(c) proplanta

2.800 Ziegen hält die Agrargenossenschaft «Altenburger Land» Dobitschen e.G. und ist damit einer der größten Erzeuger von Ziegenmilch in Deutschland. Doch so früh am Morgen blicken die Tiere noch träge drein; einige kauen genüsslich an frischem Stroh. «Hopp, hopp, hopp», treibt einer der sechs Mitarbeiter eine Gruppe von etwa 300 Tieren zum Melken. Wenig später drängeln sie sich am riesigen Melkkarussell.

Aus der «Kuh des kleinen Mannes» ist ein Hochleistungstier geworden. «Wir haben Spitzentiere mit bis zu 1.600 Litern Milch im Jahr», erzählt Betriebsstättenleiter Heino Siegel. «Bis zu 2.000 Liter sind möglich.» Der 37-Jährige steht am Melkkarussell. Mit kritischem Blick sowie hin und wieder einem Griff ans Euter prüft er, ob die Tiere richtig abgemolken sind. Mit der vor zwei Jahren angeschafften Anlage werden 48 Tiere gleichzeitig gemolken. Ein Display zeigt die jeweilige Nummer der Ziege und die Menge der gemolkenen Milch an. Die Maschine erkennt jedes Tier anhand eines gelben Chips im Ohr.

Doch solche großen Betriebe wie der in Gimmel sind in der deutschen Ziegenhaltung eher die Ausnahme - bisher. Nach Schätzung des Bundesverbandes Deutscher Ziegenzüchter werden hierzulande etwa 160.000 Ziegen gehalten, von denen der Großteil (etwa 80 Prozent) in Kleinstbetrieben lebt. Im Schnitt kommen etwa zehn Tiere auf einen Ziegenhalter. Schätzungen zufolge werden pro Jahr in Deutschland etwa 35.000 Tonnen Milch von Ziegen gemolken. Das ist nur ein Bruchteil der Menge an Kuhmilch, die mit 28 Millionen Tonnen zu Buche schlägt.

So ist die Haltung von Milchziegen nur eine Nische für die Landwirte, in der sich aber offenbar gut leben lässt. Daher will die Agrargenossenschaft «Altenburger Land» zügig expandieren. Die Zahl der Milchziegen soll von derzeit 1.400 auf 2.000 steigen. Und das «so schnell wie möglich», wie Siegel erklärt. Mit allen Jungtieren und Böcken kämen die Ostthüringer dann auf etwa 3.500 Tiere.

Damit steht der Landwirt nicht allein da. Etwa 60 Kilometer von Gimmel entfernt, am Rande der Universitätsstadt Jena, stehen die Zeichen ebenfalls auf Expansion. Dort hält die Agrargenossenschaft Gleistal derzeit etwa 1.000 Milchziegen, die pro Jahr fast eine Million Liter Milch geben. Geplant sei, einen alten Rinderstall umzubauen und den Ziegenbestand demnächst deutlich zu erhöhen, wie der Chef der Agrargenossenschaft, Ralph Wickler, sagt. «Damit treten wir die Flucht nach vorn an.» Denn für die Direktvermarktung von Ziegenprodukten, wie sie viele Halter von kleinen Herden betreiben, sei der Betrieb zu groß; für eine langfristig effektive Produktion von Ziegenmilch bisher zu klein.

In Gimmel hat es mit den Ziegen erst 1990 angefangen. Doch in der Region um Altenburg hat der Ziegenkäse eine lange Tradition. Die Geschichte der Käserei «Altenburger Land», wo die Milch zu Weichkäse verarbeitet wird, reicht mehr als 100 Jahre zurück. Der besonders in Ostdeutschland bekannte Altenburger Ziegenkäse besteht nur zu 15 Prozent aus Ziegenmilch - zu DDR-Zeiten lag der Anteil oft weit darunter. Daher suchte die Molkerei nach der Wiedervereinigung händeringend nach Erzeugern von Ziegenmilch. «Zugleich gab es durch die Quote für Kuhmilch einen Rückgang bei der Rinderhaltung», erinnert sich Siegel. «Da haben wir uns gesagt: Dann halten wir eben Ziegen.» So wurden im Sommer 1990 die ersten 80 Ziegen angeschafft.

In Jena ist die Ziegenhaltung sogar noch jünger. «Wir haben 1999 mit 200 Ziegen angefangen», erzählt Wickler. Damals hätte der Betrieb viel Geld in seine Anlagen für Milchkühe investieren müssen, was sich angesichts des geringen Erzeugerpreises für Kuhmilch nicht gelohnt habe. Inzwischen haben die Gleistaler nur noch Fleischrinder.

Anders als bei Kühen ist die Produktion von Ziegenmilch in Europa nicht von der EU gedeckelt. Im Gegenteil: Die Gimmeler erhalten von ihrer Käserei sogar einen Mengenbonus. In diesem Jahr wollen sie 1,5 Millionen Liter Milch abliefern und 2009 an der Marke von zwei Millionen Litern kratzen. Nach Branchenangaben liegt der Erzeugerpreis etwa bei 38 Cent pro Liter im Sommer und 65 Cent im Winter. Grund dafür sind die saisonalen Schwankungen in der Produktion, da der Großteil der Tiere zu Jahresbeginn lammt.

Ziegenkäse zeichnet sich durch einen würzigen, leicht säuerlichen Geschmack aus. «Er böckelt», sagt Richard Ellner, der für die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft Schaf- und Ziegenkäse prüft. Deshalb sind die deutschen Konsumenten beim Ziegenkäse gespalten: Entweder, er wird als Delikatesse geschätzt, oder er wird geschmäht. Ellner schätzt, dass es in Europa mehr als 100 Sorten gibt: Von Frischkäse über Weich- und Hartkäse bis zu Varianten mit Edelpilzen.

«Die Produktion ist stark in bäuerlicher Hand», erklärt er. «Viele Tierhalter vertreiben ihren Ziegenkäse in der Direktvermarktung.» Für Menschen mit einer Kuhmilch-Allergie sind Ziegenmilch und daraus hergestellte Produkte verträglich. Das liegt nach Expertenangaben an der unterschiedlichen Struktur der Proteine.

Im Vergleich zu Schafskäse hat Ziegenkäse einen kräftigeren Geschmack. Je länger er reife, desto intensiver werde das Aroma, erläutert Ellner. Während sich etwa Ziegenfrischkäse durch einen milden, leicht nussigen Geschmack auszeichne, bei dem sich die Ziegennote nur andeute, trete der «böckelnde Geschmack» bei Hart- und Schnittkäse intensiver hervor. Solche Käsesorten würden in der Regel zwei bis drei Monate und länger reifen. So entwickle der Käse je nach Herstellungsweise und Lagerung verschiedene Geschmacksprofile, die von dezenten bis zu kräftigen Aromen reichten. Die nächste Prüfung von Schafs- und Ziegenkäse soll im Juni dieses Jahres stattfinden.

Zurück nach Gimmel: Während der Ziegen-Strom vor dem Melkkarussell am frühen Morgen nicht zu versiegen scheint, kümmern sich Anette Hinz und ihre Tochter Kathrin um den Nachwuchs. Dabei ist Handarbeit angesagt. Zunächst sind die ganz Kleinen dran. In mehreren Boxen warten je sechs weiße Geißlein ungeduldig unter einer Wärmelampe und wedeln aufgeregt mit ihren Stummelschwänzchen. Sie sind erst wenige Tage alt. «Na, ihr Hasen, jetzt gibt's Frühstück», ruft Kathrin Hinz.

Dann schnappt sich die 23-Jährige eines der Kleinen und gibt ihm das Fläschchen. Das Zicklein nuckelt gierig. Jedes bekommt 150 Milliliter Pulvermilch. Damit die beiden Frauen nicht durcheinander kommen, haben die kleinen Ziegen farbige Striche auf der Stirn: blau, rot und gelb. Kurze Zeit später kuscheln sich die ersten bereits satt unter der Wärmelampe im Stroh.

Sind die Jüngsten versorgt, machen sich die beiden Hinz-Frauen auf den Weg zu den etwas älteren Jungtieren. Im Finstern stapfen sie über eine schmale Wiese zum Nachbarstall. Dort warten hunderte Ziegen auf Kraftfutter und frisches Heu. Die Jüngeren bekommen auch noch Milch, doch nicht mehr von Hand sondern maschinell über eine sogenannte Amme. «Ein paar sind etwas schwächlich, die füttern wir dann doch noch mit der Flasche», erklärt Anette Hinz. Die 47-Jährige mit rot- blond-gefärbter Kurzhaarfrisur kümmert sich schon seit etwa zwölf Jahren hier in Gimmel um die Ziegen. «Man darf sie nur nicht so sehr verwöhnen.»

Sorgenfalten bekommen die Landwirte in Gimmel jedoch, wenn sie auf die Blauzungenkrankheit angesprochen werden. «Ich habe Angst vor einem Ausbruch, weil es um unsere Existenz geht», sagt Bauer Siegel. Durch den milden Winter fürchtet er, dass sich der Virus in diesem Jahr besonders stark ausbreiten könnte. Er befällt Rinder, Schafe und Ziegen, ist aber nicht immer tödlich. Mehr als 20.000 Fälle dieser Tierseuche wurden 2007 in Deutschland nach Angaben des Bundesagrarministeriums gemeldet. Davon entfielen gut 100 auf Ziegen.

«Es heißt, Ziegen seien widerstandsfähiger», erzählt Siegel. «Dann hätten wir die Chance, im Ernstfall mit einem blauen Auge davon zu kommen.» Auch wenn nicht alle infizierten Tiere sterben, so hat der Bauer doch Einbußen bei der Milchmenge. Ein Ausbruch der Seuche in einer so großen Anlage wie der in Gimmel wäre fatal, da hier viele Tiere auf engem Raum zusammenleben. Daher setzt Siegel alle Hoffnung auf den versprochenen Impfstoff.

Allmählich kehrt im Stall in Gimmel an diesem Morgen Ruhe ein. Satt und zufrieden liegen die älteren Ziegen im Stroh; die Jüngeren springen noch immer übermütig durch ihre Boxen. Selbst das Tuckern des Traktors, der seit den frühen Morgenstunden Strohballen in die Ställe gebracht hat, ist nun verstummt. Nach etwa fünf Stunden haben Heino Siegel, Kathrin und Anette Hinz sowie ihre Kollegen das Morgenpensum geschafft. Nun müssen sie erst am Nachmittag wieder ran, wenn 2.800 Ziegen gemolken und gefüttert werden müssen. (dpa)
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