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15.01.2022 | 14:55 | Untersuchungsausschuss 

Flutkatastrophe im Juli 2021: Zeichnete sich Extremwetter vorher ab?

Mainz - Das extreme Hochwasser an der Ahr war nach Einschätzung von Experten kurz vorher absehbar.

Hochwasserkatastrophe
Die Wetterfachleute Sven Plöger und Jörg Kachelmann sowie mehrere Wissenschaftler sagen im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe aus. Ihre Einschätzung soll bei der Frage helfen, wie es vor einem halben Jahr zu der Sturzflut mit 134 Toten an der Ahr kommen konnte. (c) proplanta
Die Gefahr einer Extremwetterlage in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen - speziell in der Eifel - hat sich nach Ansicht des Wetterexperten Jörg Kachelmann schon drei Tage vor der Flutkatastrophe Mitte Juli abgezeichnet.

Am Vormittag des 14. Juli und damit Stunden vor der Sturzflut der Ahr sei klar gewesen, dass in der Eifel Bäche und Flüsse an den Oberläufen «bereits voll sind», sagte Kachelmann am Freitag als Sachverständiger im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des Mainzer Landtags. Im Regenradar sei zudem erkennbar gewesen, «dass am Abend noch viel größere Regenmengen sicher heranziehen werden - eine Breitseite».

Bei der Flutkatastrophe vom 14. auf dem 15. Juli waren im nördlichen Rheinland-Pfalz insgesamt 135 Menschen ums Leben gekommen, davon 134 im Ahrtal. Hunderte wurden verletzt und weite Teile des Tals verwüstet.

«Es ist immer genug Zeit, das Richtige zu tun», betonte Kachelmann. «Niemand muss sterben.» Am 12. Juli hätten die Behörden vorsorglich eine Evakuierung vorbereiten und die Bevölkerung in den Tälern vorwarnen können, dass eine solche Maßnahme notwendig werden könnte.

Für den Meteorologen und Fernsehmoderator Sven Plöger war zwei Tage vor der Flutkatastrophe klar, «da kommt ein extremes Ereignis». Er sei von Regenmengen von 100 bis 200 Litern pro Quadratmeter im Westen Deutschlands ausgegangen, sagte der 54-Jährige. Allerdings hätte dies genauso gut den Schwarzwald wie die Ahr-Region und das Sauerland treffen können.

Der Regionaleffekt sei bis zum 13. Juli nicht ablesbar gewesen. Er habe aber bereits zwei Tage vor der Katastrophe gewarnt: «Achtung an den Flüssen, beobachten Sie die Pegel, gehen Sie von den Flüssen weg», sagte Plöger. Dass der Wasserstand über neun Meter steigen würde, «habe ich nicht gewusst, und ich behaupte, das hat auch keiner gewusst».

Die Überschwemmungen entsprachen nach den Worten der britischen Expertin Hannah Cloke «genau dem, was mehrere Tage im Voraus vorausgesagt worden war». Am 9./10. Juli habe das europäische Hochwasser-Warnsystem EFAS für das Rhein-Einzugsgebiet mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit ein Hochwasser ab dem 13. Juli vorhergesagt.

«Es stand eine schwerwiegende Überschwemmung bevor», sagte die Hydrologie-Professorin von der britischen University of Reading und freie EFAS-Beraterin. Sie sei sehr überrascht gewesen, dass dennoch so viele Menschen bei der Flutkatastrophe ums Leben kamen.

«Die Zahl der Todesopfer zeigt, dass das System versagt hat», stellte Cloke fest. Diese Kritik beziehe sich aber nicht auf bestimmte Teile in Rheinland-Pfalz. Sie wisse nicht, wie die EFAS-Frühwarnmeldungen in nationale und regionale Entscheidungsfindungsprozesse einbezogen würden.

Eine Übersicht der zeitlichen Entwicklungen vor dem Hochwasser habe bereits am Mittag des 13. Juli eine 74-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Sturzflut in einzelnen kleineren Flussgebieten des Mittelrheins und der Mosel gezeigt, berichtete Wasserwissenschaftler Jörg Dietrich.

Erste Anzeichen für das Extremwetter habe es schon am 11. Juli gegeben, sagte der Privatdozent vom Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft der Universität Hannover. Am Abend des 12. Juli und im Laufe des 13. Juli hätten sich die Vorhersagen konkretisiert. Ab da habe man davon ausgehen können, dass «ein Hochwasser an der Ahr sehr wahrscheinlich ist».

Nach Einschätzung des Diplom-Meteorologen Bernhard Mühr war es am 14. Juli spätestens um 16 Uhr unzweifelhaft klar, dass es an der Ahr ein Hochwasser von einem Ausmaß geben würde, wie es seltener als alle 100 Jahre vorkommt. Der Pegel des Hochwassers vom Juni 2016 (2,73 Meter) sei um diese Uhrzeit bereits erreicht gewesen und noch sehr viel Niederschlag erwartet worden. Bereits am Tag zuvor sei klar gewesen, dass es ein besonders starkes Hochwasser werden würde.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) habe aus seiner Sicht «frühzeitig und sachlich richtig gewarnt», sagte der Fachmann aus Karlsruhe. Der DWD habe die höchste mögliche Warnstufe 4 vor Dauerregen am 13. Juli ausgegeben. Er bezweifle allerdings, dass die Brisanz und der Handlungsdruck aus dem Text des DWD für alle zu erkennen waren.

Am Nachmittag des 14. Juli hätten dem Kreis die erforderlichen Daten weiteren Warnungen längst vorgelegen, sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Nico Steinbach, zu der Sitzung. «Warum der Kreis dann erst nach 23 Uhr konkrete Maßnahmen eingeleitet hat, erschließt sich mir nicht.»

«Warum auf die Warnungen des Landes hin nicht überall vor Ort die richtigen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung eingeleitet wurden, wird die weitere Arbeit des Untersuchungsausschusses zeigen müssen», sagte Carl-Bernhard von Heusinger von der Fraktion der Grünen.

Für eine Evakuierung der besonders betroffenen Kommunen an der unteren Ahr wäre offenkundig ausreichend Zeit gewesen. Bereits um 15.26 Uhr habe das Landesamt für Umwelt vor einem Pegelstand in Altenahr von mehr als fünf Metern - gewarnt. «Allerspätestens nach der Warnung des Landkreises Ahrweiler durch das Landesamt für Umwelt am 14. Juli 2021 um 17.17 Uhr hätte der Landkreis angemessen tätig werden müssen.»
dpa/lrs
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