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07.01.2019 | 09:49 | Kohleabbau 

Hambacher Forst und die Hoffnung der Tagebaudorfbewohner

Erkelenz - Man muss schon genau hinschauen, um die ersten Anzeichen zu erkennen: Noch scheint der nordrhein-westfälische Ort Kuckum weit entfernt davon, eines dieser typischen Geisterdörfer zu werden.

Kohleenergie
«Hambi bleibt» forderten Tausende 2018. Der Hambacher Forst steht tatsächlich immer noch. Das nährt neue Hoffnung bei den Menschen, deren Dörfer wegen des Tagebaus Hambach abgerissen werden sollen. (c) proplanta
Aber in dem Ort am Braunkohletagebau Garzweiler II sieht man doch erste Spuren: Keine Blumentöpfe an den Fenstern vereinzelter Häuser, Rollos, die wahrscheinlich niemand mehr hochzieht, Unkraut, das niemand mehr jätet. 35 Häuser im Dorf stehen schon leer. «35 von 120», sagt Anwohnerin Marita Dresen.

Seit Monaten schaut Deutschland auf den Konflikt um den Hambacher Forst rund 40 Kilometer entfernt von Kuckum. Der Wald dort, der Hambi, soll für den Tagebau gerodet werden. «Es geht doch nicht nur um Bäume. Es geht auch um Menschen», spricht Dresen an ihrem Küchentisch aus, was viele in den Dörfern am Tagebau Garzweiler II denken.

Rund 1.600 Menschen sind gezwungen, ihre Dörfer südlich von Mönchengladbach zu verlassen. Kuckum, Keyenberg, Berverath, Ober- und Unterwestrich - das sind kleine, gewachsene Dörfer mit oft großen Gärten und alten Bäumen. Es sind die letzten fünf Orte im Rheinischen Revier, die in einem Tagebau verschwinden sollen.

Lange habe man ihnen erzählt, sie müssten für das Allgemeinwohl weg - für die Sicherung der Stromversorgung - lange hätten sie das auch geglaubt, erzählt Dresen. «Man hat uns für dumm verkauft», kommt sie jetzt nach den monatelangen Hambi-Protesten und vielen damit verbundenen Diskussionen zu einem ganz anderen Schluss.

Die letzte Bestätigung dafür kam für sie von den Richtern des Oberverwaltungsgerichts Münster: Die stoppten die geplanten Rodungen im Hambacher Forst vorerst, weil aus ihrer Sicht die Notwendigkeit für die Energieversorgung nicht belegt ist.

Zuerst seien die Umsiedlungs-Gegner in den Dörfern nur ein kleiner Haufen gewesen, sagt Helmut Kehrmann, der bei dem Gespräch mit an Dresens Küchentisch sitzt. Mit den Hambi-Protesten kamen auch immer mehr Leute, die den Erhalt ihrer Dörfer forderten. In dem Bündnis «Alle Dörfer bleiben» seien sogar Menschen aus Dörfern in der Region, die nicht abgebaggert werden, berichtet Kehrmann: «Die jungen Leute im Hambacher Forst haben uns den richtigen Weg gezeigt», sagte der 64-Jährige: den Weg des Widerstands.

Der Widerstand im Hambacher Forst habe vielen Mut gemacht, beobachtet der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen (CDU). Nach RWE-Planungen hätte der Wald ja schon so gut wie weg sein müssen. «Alle glauben, durch radikale Demonstrationsmaßnahmen kann man richtig was erreichen», sagt Jansen.

Die Stadt verliert ein Drittel ihres Stadtgebiets durch Garzweiler II. Sie hat am Anfang juristisch dagegen gekämpft und verloren. Die Umsiedlung, die viele Menschen nicht wollten, läuft.

Rund 80 Prozent der Betroffenen habe eine Vereinbarung zur Entschädigung mit RWE unterschrieben oder sei kurz davor. Für Bürgermeister Jansen ist das auch Ausdruck der Resignation nach jahrelangem Widerstand. Nur 20 Prozent hätten noch nicht mit RWE verhandelt.

Hans-Josef Dederichs, gehört zu denen, die bauen. Er gehört zu der Grünen-Fraktion im Erkelenzer Stadtrat und war über viele Jahre Vorsitzender einer Bürgerinitiative gegen die Braunkohle: «Wir haben 20, 30 Jahre gegen den Tagebau gekämpft, das hat niemanden interessiert.» Von der ersten Etage seines Rohbaus blickt er auf den Umsiedlungs-Standort mit Baustellen und neuen Häusern - ein weites Areal. In Sichtweite stakst ein Fischreiher übers Grün und sucht nach Nahrung.

Dederichs erzählt, wie belastend die Situation für die Dorfgemeinschaft ist: «Die einen fangen an zu kämpfen, andere reden nicht mehr, wieder andere nicht mehr miteinander.» Warum er noch den Mund aufmache, bekomme er selbst zu hören: Er baue doch schon am neuen Ort.

Aber Dederichs hat nie aufgehört zu kämpfen. «Jeder Quadratmeter Land, den wir nicht an den Tagebau abgeben, ist ein Gewinn.» Für ihn geht es um Heimat: um die Niersquelle, die viele Vereine heimatverbunden in ihrem Namen tragen und die nicht einfach verschwinden dürfe. Es geht für ihn darum, die guten Böden «nicht zu verbrennen» und darum, aufzuzeigen, «dass die Braunkohle ein Irrweg ist». Und wenn die Heimat tatsächlich erhalten bliebe? «Dann werden selbst ältere Häuser ihre Käufer finden», sagt der 54-Jährige.

Dem Energiekonzern RWE stellen sich solche Fragen nicht. Die Umsiedlung der fünf Orte laufe seit 2016 mit hoher Dynamik. «Viele Familien planen ihren Neubau, am Umsiedlungsstandort herrscht rege Bautätigkeit. Die gesamte technische Infrastruktur ist gebaut, die komplette Ortsrandeingrünung fertig», stellt ein RWE-Sprecher fest.

Es sei im Interesse der Dorfgemeinschaften und im Sinn der Sozialverträglichkeit, die Umsiedlungen planmäßig und verlässlich weiterzuführen, stellt RWE fest und geht davon aus, dass der Tagebau auf Grundlage der Leitentscheidung der rot-grünen Vorgängerregierung aus 2016 weitergeführt wird.

Frauen sind in der Familie von Britta Kox schon immer stark gewesen. Von der ersten Etage ihres Hauses weht eine Fahne im Wind - stilisierter Baum auf grünem Grund - die Fahne des Protests gegen die Rodung des Hambacher Forsts. Das Haus war im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Uroma, Mutter von 14 Kindern, hat es wieder aufgebaut.

Braunkohle und Kampf gegen drohende Vertreibung ist seit Generationen Thema in der Familie von Kox. «Ich kämpfe bis zum letzten Tag», sagt die 46-Jährige. Und das klingt wie ein Versprechen.
dpa
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