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06.03.2022 | 07:27 | Klimakrise 

IPCC: Klimawandel auch in der Landwirtschaft schneller und stärker spürbar

Genf / Berlin - Auch in der Landwirtschaft werden sich die Folgen des Klimawandels stärker und früher zeigen als bisher angenommen. Diese Einschätzung vertreten Wissenschaftler in dem am Montag (28.2.) vom Weltklimarat (IPCC) veröffentlichten Sachstandsbericht.

Klimakrise
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Özdemir sieht Landwirtschaft als Teil der Lösung - Kabinettskollegin Lemke will Moorvernässung und Aufforstung nachhaltiger Wälder voranbringen - AGDW erneuert Forderung nach Mindestlohn für den Wald - Die Familienbetriebe wollen Schutzziele des Green Deal auf den Prüfstand gestellt sehen - Weltklimarat stellt neuen Sachstandsbericht vor. (c) proplanta

Nur konsequenter Klimaschutz und frühzeitige Klimaanpassung könnten Risiken durch Dürren und andere Witterungsextreme für die Ernährungssicherung verringern, warnt der zwischenstaatliche Ausschuss.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sieht die Landwirtschaft bei der Verlangsamung des Klimawandels als Teil der Lösung. Dazu will er unter anderem die Potentiale zur Kohlenstoffspeicherung heben. Der Schutz der Moore, gezielter Humusaufbau, klimaresilienter Waldumbau, die Neu- und Wiederbewaldung sowie die geplante Stärkung regionaler Kreisläufe seien bereits konkrete Punkte des Koalitionsvertrages.

Aus Sicht des Grünen-Politikers wird ein Umsteuern nicht mit zaghaften Schritten gelingen: „Wenn wir der Klimakatastrophe Einhalt gebieten wollen, brauchen wir tiefgreifende Veränderungen, die wir mit schnellen und drastischen Minderungsmaßnahmen unterstützen müssen.“

Einen ersten Schritt sieht Özdemir im umfassenden Umbau der Tierhaltung in Deutschland, „den wir jetzt angehen“. Das Bundesumweltministerium will sich für eine vorsorgende Klimaanpassungspolitik einsetzen. „Dazu gilt es, die rechtlichen Grundlagen zu verbessern und mehr finanzielle Mittel für die Klimaanpassung bereitzustellen“, erklärte Ressortchefin Steffi Lemke.

Um die Umwelt- und Lebensqualität in Deutschland zu verbessern, will sie naturbasierte Lösungen voranbringen, wie die Wiedervernässung von Mooren oder die Aufforstung nachhaltiger Wälder „Die Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffimporten und ⁠Klimaschutz ⁠sind dringendere Aufgaben denn je. Nur wenn wir beides ernsthaft voranbringen, können wir auch die notwendige Anpassung an die Klimakrise bewältigen“, so Lemke.

Nutzungsverbote kontraproduktiv



Die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) - Die Waldeigentümer“ sieht sich durch den jüngsten IPCC-Bericht in ihrer Forderung nach einer Vergütung der Klimaschutzleistung von Wäldern bestätigt. „Es braucht einen Mindestlohn für den Wald, damit die Wälder auch in Zukunft etwa ihre Klimaschutzleistung erbringen können“, sagte AGDW-Hauptgeschäftsführerin Dr. Irene Seling.

Mit ihrer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und -pflege sorgten die kommunalen sowie die rund zwei Millionen privaten Waldbesitzer dafür, dass die Wälder auch als Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sowie als Erholungsort für die Bürger zur Verfügung stehen, begründete Seling den AGDW-Vorstoß.

Die Familienbetriebe Land und Forst warnten in einer ersten Reaktion auf den IPCC-Bericht davor, die Anpassung der Land- und Forstwirtschaft an den Klimawandel durch Nutzungsverbote zu erschweren. Der Verbandsvorsitzende Max von Elverfeldt fordert deshalb, die geplanten Schutzziele aus dem europäischen Green Deal auf den Prüfstand zu stellen.

Neue Realität



Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) stellte fest, dass Landwirte auf der ganzen Welt bereits jetzt massiv die Folgen der Klimakrise spürten, auch in Deutschland. „In den Dürrejahren sind uns die Felder und Wiesen vertrocknet und teilweise abgebrannt, im letzten Jahr überflutet - das ist unsere neue Realität und das besorgt mich sehr“, erklärte der AbL-Bundesvorsitzende Martin Schulz. Gleichzeitig seien die Kosten für Dünger und Futtermittel explodiert.

„In dieser ohnehin bereits desaströsen wirtschaftlichen Lage treffen uns die Auswirkungen des Klimawandels besonders hart“, berichtete Schulz. Die Regierungen müssten deshalb handeln, um das Klima zu schützen.

Pflaster auf der klaffenden Wunde



Für den Bund Naturschutz in Bayern (BN) zeigt der jüngste IPCC-Bericht, dass beim Klimaschutz jedes Zehntel Grad Temperaturanstieg zählt. „Der Ausstieg aus Kohle, Öl und Erdgas muss schneller und radikaler vorangetrieben werden“, forderte der BN-Vorsitzende Richard Mergner. Klimaanpassungsmaßnahmen müssten auch im Freistaat umgesetzt werden, seien aber nicht die Lösung des Problems, sondern „nur ein Pflaster auf der klaffenden Wunde“.

Die Entwicklungsorganisation Germanwatch verlangt, konkrete politische Konsequenzen aus dem Bericht des Weltklimarates zu ziehen. „Die Klimakrise ist schon heute von zerstörerischem Ausmaß - sie fordert Menschenleben, treibt ökonomische Kosten in die Höhe, verschärft Konflikte und gefährdet Menschenrechte weltweit“, so Vera Künzel, Referentin für Anpassung an den Klimawandel und Menschenrechte bei Germanwatch. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung sehe der IPCC einem hohen Risiko ausgesetzt.

Signalwirkung



Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten pochte mit Verweis auf den IPCC-Bericht auf eine Abstockung der weltweiten Tierbestände. Sowohl in der Eröffnungsbilanz von Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck als auch in der Debatte um den Umbau der Tierhaltung spiele die Reduktion der Tierzahlen im Sinne des Tier- und Klimaschutzes eine konkrete Rolle. Deutschland müsse diesen Weg nun entschieden voranschreiten, auch im Hinblick einer Signalwirkung im europäischen und globalen Kontext.

Waldaktien und MoorFutures



Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Philipp Albrecht mahnte entschlossenes Handeln für mehr Klimaschutz und Klimafolgenanpassung an: „Wir leben im entscheidenden Jahrzehnt, um die Klimakatastrophe zu verhindern“, so Albrecht. Sein Amtskollege Dr. Till Backhaus sieht Mecklenburg-Vorpommern als Vorreiter bei der Eindämmung des Klimawandels. „Seit 2007 bieten wir die Waldaktie an, um mit Klimawäldern gegen den Klimawandel vorzugehen“, berichtete Backhaus.

„Mit den MoorFutures, dem Streuobstgenussschein und dem in diesem Jahr folgende HeckenScheck zielen wir in die gleiche Richtung: Klimaschutz auf Basis intakter Biotope“, erklärte der Schweriner Ressortchef. Unterdessen mahnte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies ein Klimagesetz auch für sein Bundesland an. „Es ist nicht die Zeit für politische Ambitionslosigkeit, sondern für mutige Schritte für mehr Klimaschutz und für die Energiewende“, sagte Lies.

Innovationen der Schlüssel



Für die FDP sind mit Blick auf den Klimawandel die neuen Züchtungsmethoden wie die Genschere CRISPR/Cas eine Chance, um Erträge zu stabilisieren und gleichzeitig Ressourcen zu schonen. Diese Chancen müssten nun erkannt und auch genutzt werden.

„Als Freie Demokraten sind wir schon lange davon überzeugt, dass die Nutzung von Innovationen der Schlüssel ist, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, sagte die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Carina Konrad. Auch Deutschland müsse sich nun klarer „pro Innovation“ positionieren. Wer Nachhaltigkeit und Ernährungssicherung erhalten wolle, dürfe sich neuen Technologien nicht verweigern.

Landwirte als Problemlöser stärken



Die Katholische Landvolkbewegung Deutschland (KLB) rief dazu auf, beim Engagement zur Eingrenzung des Klimawandels nicht nachzulassen. Die KLB verwies in diesem Zusammenhang auf ein von ihr kürzlich vorgelegtes Positionspapier zum Klimaschutz, in dem auch die Rolle der Landwirtschaft thematisiert werde. Diese sei zugleich Betroffene des Klimawandels, Verursacherin und vor allem Teil der Lösungsstrategie. In dieser Rolle müssten die Bauern von Politik, Verbrauchern und Lebensmittelhandel unterstützt werden.

Stand der Forschung



Der Weltklimarat fasst bekanntlich alle sechs bis sieben Jahre das aktuelle Wissen zur Klimakrise zusammen. Der zwischenstaatliche Ausschuss wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) sowie der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ins Leben gerufen, um für politische Entscheidungsträger den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel darzulegen.

Der IPCC will so die Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen schaffen. Aktuell wird in mehreren Etappen der sechste Sachstandsbericht herausgegeben; der jetzt veröffentlichte zweite Teil befasst sich mit Folgen des Klimawandels und Möglichkeiten der Anpassung.
AgE
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