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16.08.2022 | 05:48 | Fischsterben 

Massenhaftes Fischsterben in der Oder: Was ist bislang bekannt?

Frankfurt (Oder) - Von einer «fürchterlichen Umweltkatastrophe» mit länderübergreifenden Auswirkungen spricht das Bundesumweltministerium, die Bundesregierung nennt es «vordringlich», zeitnah die Ursache für das massive Fischsterben in der Oder zu ermitteln.

Fischsterben in der Oder
Tonnenweise tote Fische - und niemand weiß, warum: Seit Anfang letzter Woche treibt die Umweltkatastrophe in der Oder die deutschen Behörden um. Seitdem gibt es viele offene Fragen. Vor allem die Ursache des Massensterbens bereitet den Experten Kopfschmerzen. (c) proplanta

Was ist bislang darüber bekannt? Und weshalb haben die polnischen Behörden, die bereits im Juli auf die Fischkadaver stießen, nicht rechtzeitig Alarm geschlagen? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie wurde die Umweltkatastrophe auf deutscher Seite bekannt?

Zuerst berichteten Angler am vergangenen Dienstag, 9. August, über ein massives Fischsterben in der Oder. Anschließend warnte die Stadtverwaltung Frankfurt (Oder) am Mittwoch die Bevölkerung vor dem Kontakt mit dem Oderwasser und dem Verzehr von Fischen aus dem Fluss.

Am Donnerstag schaltete sich dann das Landeskriminalamt ein und nahm Wasserproben zur Ermittlung der Ursachen. Gleichzeitig warnten die Landkreise entlang der Oder nach und nach vor den Gefahren durch das Flusswasser. Schon deutlich früher war das ungewöhnliche Fischsterben in Polen aufgefallen - aber zunächst nicht an die deutsche Seite gemeldet worden: Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben schon Ende Juli erste Hinweise darauf, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben.

Was weiß man bislang über die Ursachen?

Die Ursache für das massive Fischsterben ist nach wie vor unbekannt. Experten aus Polen und Deutschland sollen nun in einer gemeinsamen Taskforce die Ursachen ermitteln. Erste Untersuchungsergebnisse werden für Anfang dieser Woche erwartet.

Bislang ist die Suche nach der Ursache eher ernüchternd: Anfang August hatte die Umweltbehörde in Niederschlesien (Südwesten Polens) mitgeteilt, dass bei Wasserproben vom 28. Juli an zwei Stellen die giftige Substanz Mesitylen nachgewiesen wurde. Bei späteren Proben, auch an anderen Stellen im Fluss, wurde kein Mesitylen mehr festgestellt. Auch der von deutschen Behörden zunächst geäußerte Verdacht, erhöhte Quecksilberwerte könnten die Ursache für das Fischsterben sein, hat sich nicht erhärtet.

Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) laufen aktuell Breitbanduntersuchungen des Wassers und weitere Analysen bei den Fischen. Die Proben sollen auf rund 300 schädliche Stoffe untersucht werden, darunter Pestizide. Zudem soll das Verhalten der Fische kurz vor ihrem Verenden untersucht werden.

Festgestellt wurde nach offiziellen Angaben ein erhöhter Sauerstoffgehalt in dem Fluss. Geprüft wird auch, ob ein erhöhter Salzgehalt im Wasser im Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen könnte. Nach Vogels Einschätzung kommt mehr als nur eine Ursache für das Fischsterben in Frage. Die Dürre und die geringe Wasserführung hätten ziemlich sicher einen Anteil daran, sagte der Minister. Tatsächlich sei das gesamte Ökosystem der Oder geschädigt.

Warum gibt es heftige Kritik an den polnischen Behörden?

Seit Bekanntwerden der Katastrophe auf deutscher Seite wächst der Unmut gegenüber den polnischen Behörden. Das Bundesumweltministerium beklagt, dass die für solche Ereignisse übliche Meldekette nicht funktioniert habe. Die deutschen Behörden hätten sich von der polnischen Seite «nicht gut informiert» gefühlt.

Dass Informationen über das Fischsterben aus Polen die deutsche Seite erst sehr spät erreicht hätten, erschwere jetzt das Identifizieren der Schadensursache, erklärte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) am Montag. Warum die Informationen so spät ankamen und sogar den polnischen Regierungschef Mateusz Morawiecki erst in der vergangenen Woche erreichten, blieb zunächst unklar. Am Sonntag waren die zuständigen Regierungsvertreter aus Deutschland und Polen zu Beratungen zusammengekommen, um die Koordination zu verbessern.

Könnten in Polen Giftstoffe in die Oder gekippt worden sein?

Polens Regierung vermutet, dass der Fluss mit Chemie-Abfällen vergiftet wurde. «Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen», sagte Regierungschef Morawiecki am Freitag. Die polnische Polizei hat eine Belohnung von umgerechnet 210.000 Euro für die Aufklärung ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In polnischen sozialen Medien wurde zeitweise spekuliert, eine Papierfabrik in der Nähe des Ortes Olawa habe den Fluss verseucht. Das Unternehmen hat dies dementiert und erklärt, dass es weder Mesitylen noch Quecksilber für seine Produktion verwende. Beide Stoffe hatten zunächst im Verdacht gestanden, die Katastrophe verursacht zu haben.

Wie schätzen die deutschen Behörden das Ausmaß der Katastrophe ein?

Das Bundesumweltministerium spricht von einer «fürchterlichen Umweltkatastrophe» mit länderübergreifenden Auswirkungen. «Das, was wir jetzt beobachten in der Oder, also das Fischsterben auf polnischer und auf deutscher Seite, ist aus unserer Sicht ein großes Ereignis. Also, es ist ein großer Schadensfall, der unbedingt aufgeklärt werden muss», sagte Ministeriumssprecher Ulrich Schulte am Montag in Berlin.

Der BUND-Gewässerexperte Sascha Maier schätzt die Menge der in den vergangenen Tagen verendeten Fische in der Oder auf bis zu 100 Tonnen. Das sei eine Hochrechnung auf Grundlage der Meldungen über einzelne Sammelaktionen, sagte der Experte der Umweltorganisation am Montag der dpa. Die Umweltkatastrophe betreffe die Oder auf etwa 500 Kilometer Länge.

Könnte sich das Fischsterben ausweiten?

Das wird derzeit befürchtet. In Mecklenburg-Vorpommern sind die zuständigen Behörden in Alarmbereitschaft. Im Fokus steht dabei vor allem das Stettiner Haff, ein inneres Küstengewässer, in das die Oder mündet und das mit der Ostsee verbunden ist.

Derzeit würden Proben aus dem Haff zur Analyse entnommen, erklärte Till Backhaus (SPD), Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, am Montag. Indes wurden im Stettiner Haff auch Ölsperren eingerichtet, um eine größere Ausbreitung von möglichen Fischkadavern zu verhindern.
dpa
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