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25.09.2021 | 03:21 | Radioaktive Strahlung 

Tschernobyl strahlt immer noch

Tschernobyl - Ein blauer Hubschrauber der Bundespolizei steigt in den Himmel über der verlassenen Stadt Tschernobyl. Feuerwehrleute und Beobachter am Boden tragen in sicherem Abstand Schutzmasken.

Atomenergie
Wie gefährlich ist die Strahlung rund um das frühere sowjetische Atomkraftwerk Tschernobyl? Deutsche Experten haben in der Ukraine abermals gemessen. Viele Touristen schreckt die Gefahr nicht ab.

Doch ist die Gefahr hier nicht das Coronavirus: Auch 35 Jahre nach der Reaktorkatastrophe im einst sowjetischen Atomkraftwerk gibt es noch immer radioaktiv strahlende Staubpartikel. Deutsche Fachleute sind deshalb in den Norden der Ukraine gereist, um dort mit Kollegen vor Ort eine neue Karte mit der Strahlenbelastung zu erstellen. Erste Ergebnisse deuten an, dass die Gefahr noch nicht verschwunden ist.

Die beiden Hubschrauber der Bundespolizei aus Deutschland sind täglich vier bis sechs Stunden im Einsatz. An Bord sind etwa 200 Kilogramm schwere Messsysteme. «Wir nutzen den Hubschrauber, um einen Überblick zu bekommen, und machen anschließend detailliertere Messungen am Boden», erklärt Christopher Strobl vom Bundesamt für Strahlenschutz. Bei einer Flughöhe von 100 Meter haben die Helikopter einen Sichtbereich von 500 Metern.

Am 26. April 1986 explodierte nach einem fehlgeschlagenen Experiment der Reaktor vier des damals sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Das Unglück, das gut 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew geschah, gilt als die größte Atomkatastrophe der zivilen Nutzung der Kernkraft. Tausende Menschen starben. Hunderttausende wurden zwangsumgesiedelt. Bis heute sind weite Landstriche in den ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Belarus (Weißrussland) und Russland verstrahlt.

Einer der deutschen Hubschrauberpiloten ist Silvio Renneberg von der Fliegerstaffel Blumberg in Brandenburg. «Das ist ein besonderes Gefühl, dass man hier auch mal vor Ort ist, was man so im Fernsehen gesehen hat», sagt der sehr erfahrene Pilot der Deutschen Presse-Agentur in Tschernobyl. In 16 Jahren hat er 2.600 Flugstunden angesammelt. Alle Piloten hätten sich freiwillig gemeldet.

Direkt über dem verunglückten Reaktor mit seiner rund zwei Milliarden Euro teuren und 2016 eingeweihten Stahlhülle dürfen die Hubschrauber nicht fliegen. Zu groß ist den ukrainischen Behörden das Risiko eines möglichen Absturzes gewesen. Drohnen des ukrainischen Staatsunternehmens Ekozentr sorgen für Messergebnisse.

Bei dem mittlerweile dritten Einsatz in der rund 2.600 Quadratkilometer großen ukrainischen Sperrzone - das entspricht etwa der Fläche des Saarlandes - wird nicht allein per Hubschrauber gemessen. Die aus Mitarbeitern des Katastrophenschutzes des westukrainischen Atomkraftwerks Riwne und des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz bestehenden mobilen Teams arbeiten am Boden 200 Messpunkte ab.

Die Ergebnisse der Messungen sollen im April auf einer Fachtagung präsentiert werden. Vorab kann Christopher Strobl vom Bundesamt bereits sagen, dass die Cäsiumverteilung derjenigen ähnelt, die in den 1990er Jahren von den örtlichen Kollegen erstellt wurde.

Das zum Biosphärenreservat erklärte Gebiet ist inzwischen nicht mehr komplett menschenleer. «Unser Ziel ist heute, die Sperrzone als Territorium der Entfremdung in ein Territorium der Wiedergeburt zu verwandeln», gab Präsident Wolodymyr Selenskyj am 35. Jahrestag der Katastrophe im Frühjahr als Marschroute aus. 2018 wurde bereits ein erstes Solarkraftwerk von einem Megawatt Leistung neben der Atomruine errichtet. Weitere sollen folgen. So der Plan.

Ähnliches ist aus dem benachbarten Belarus von Machthaber Alexander Lukaschenko zu vernehmen. Es gebe immer weniger Orte, in denen die Grenzwerte der Strahlung überschritten würden, sagte er unlängst der Staatsagentur Belta zufolge. «Aber was viel wichtiger ist: Wir produzieren wieder Lebensmittel, die man essen darf. Hier wohnen Menschen, hier werden Familien gegründet und Kinder geboren.»

Die Grenze zu Belarus ist nur gut 10 Kilometer vom stillgelegten Kraftwerk entfernt. Die frühere Sowjetrepublik war wie kein anderes Land von der Katastrophe betroffen. Ähnlich wie in der Ukraine wurde ein großes Gebiet im Süden um die Stadt Gomel zum Schutzgebiet erklärt. Die Natur hat sich allmählich die früher vom Menschen bewohnten Flächen zurückerobert. Umweltschützer berichten stolz, dass dort inzwischen zum Teil bedrohte Tier- und Pflanzenarten leben.

Bekannter ist das Tschernobyl-Sperrgebiet jedoch inzwischen als Ziel für Touristen. «Hol dir deinen Schuss Adrenalin», werben Veranstalter für einen Trip zum Unglücksreaktor und die Geisterstadt Prypjat. 2019 war der bisherige Höhepunkt mit über 120.000 Touristen in der Zone.

Wegen der Corona-Pandemie ging die Zahl im vorigen Jahr deutlich zurück. Doch nun kommen wieder Dutzende vor allem westliche Besucher in die Sperrzone. Selbst in der Werkskantine werden Souvenirs angeboten - und Touren auf Deutsch, Polnisch und Englisch.
dpa
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