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22.05.2021 | 00:51 | Corona-Pandemie 

Die große Corona-Generationendebatte: Sind die Alten undankbar?

Berlin/Köln - Der Satiriker und Jan-Böhmermann-Autor Sebastian Hotz - besser bekannt unter seinem Twitternamen El Hotzo - hat in letzter Zeit eine gewisse Altersgruppe zum Ziel seiner Gags gemacht.

Geimpfte Senioren?
Zu Beginn der Corona-Pandemie haben sich die Jungen für die Alten zurückgenommen. Und jetzt? Sind die Alten geimpft und wollen ihre Freiheiten zurück. Es ist vor allem der Ton, der Jüngere dabei irritiert. (c) proplanta

In einem Tweet echauffierte sich der 25-Jährige über 60-Jährige, die eine Impfung mit Astrazeneca abgelehnt haben, stattdessen Biontech bekamen und sich jetzt nach 14 Monaten Homeoffice fragen, in welchem Ostseebad sie am liebsten Fischbrötchen essen würden. Ganz nach dem Motto «Meine Rente ist sicher und der Klimawandel kickt erst nach meinem Tod».

Die einen nennen es Neiddebatte, die anderen Gerechtigkeitsdebatte. In jedem Fall ist es die derzeit wohl brisanteste Debatte überhaupt. Es geht im Kern um die Frage: Sind die Alten undankbar und egoistisch? Die Argumentationslinie verläuft ungefähr so: Zu Beginn der Pandemie haben sich die Jungen zurückgenommen, um die Alten zu schützen. Damals landeten Junge nur ganz vereinzelt auf den Intensivstationen, Ältere dagegen waren hochgradig gefährdet.

Dennoch steckten die Jungen zurück. Schülerinnen und Schüler begnügten sich mit Distanzunterricht. Für Abiturientinnen und Abiturienten fielen Abschlussfahrt, Abi-Gag, letzter Schultag und Abi-Ball aus. Die große Party zum 18. Geburtstag? Nur ein Traum!

Studenten begannen im Herbst ihr Studium in der Einsamkeit ihres Kinderzimmers mit einem Laptop auf den Knien. Mittlerweile stehen sie schon im zweiten Semester, aber eine Uni haben sie immer noch nicht von innen gesehen. Erstsemester-Feiern und vieles andere mehr werden sie auch nach der Pandemie nicht nachholen können. Das bleibt eine Lücke im Leben. Die Corona-Lücke.

Das alles haben sie auf sich genommen. Und jetzt? Werden die Alten bei der Impfung selbstverständlich vorgezogen, sie sind ja am gefährdetsten. Soweit noch in Ordnung. Aber was ist mit jenen Leuten über 60, die Astrazeneca abgelehnt haben, weil sie «kein gutes Gefühl» dabei hatten? Obwohl Stand der Wissenschaft ist, dass Astrazeneca nur für Jüngere ein geringes Risiko mit sich bringt, für Ältere aber uneingeschränkt ein erstklassiger Impfstoff ist?

Diese Haltung irritiert Lasse Petersdotter (31), Fraktionsvize der Grünen im schleswig-holsteinischen Landtag, ebenso sehr wie derzeitige Schwerpunkte der Corona-Debatte: Darf man ins Theater, ja oder nein? Wann öffnen die Restaurants für Geimpfte?

«Dass diejenigen, die dort dann die Weißweinschorle servieren, meist Jüngere sind, für die sich an der Gefährdungslage eigentlich nichts geändert hat, kommt in der Diskussion nicht vor. Dass das einen Groll mit sich bringt, das kann ich durchaus verstehen. Wir müssen hier schon darauf achten, dass die Generationen beieinander bleiben», meint Petersdotter.

Ist die Konsequenz daraus, dass Geimpfte aus Solidarität mit den Nicht-Geimpften weiter brav zu Hause bleiben sollen? «Nein», sagt der SPD-Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der Deutschen Presse-Agentur. «Dafür gibt es keine medizinische und damit auch keine juristische Grundlage. Die Geimpften stecken sich in der Regel nicht mehr an.

Und wenn man sich doch infiziert, dann ist man in der Regel nicht mehr ansteckend. Deshalb ist es richtig, den Geimpften die Freiheitsrechte zurückzugeben.» Sagt derjenige, der seit gut einem Jahr den Ruf der Spaßbremse weg hat. Jetzt hält es der Kölner mit der Spruchweisheit: «Mer muss och jünne künne!» (Man muss auch gönnen können).

Auch Lasse Petersdotter kann gönnen. «Die Freiheit der Jüngeren kommt ja nicht dadurch zustande, dass die Älteren auf ihre Grundrechte verzichten. Das ist überhaupt gar keine Frage. Aber ich erwarte gerade von der älteren Generation mehr Verständnis dafür, wie müde und teilweise wütend junge Menschen über die Maßnahmen sind, die sie weiterhin einschränken.»

Er fordert mehr Wertschätzung, mehr Aufmerksamkeit. «Wo können junge Menschen gerade überhaupt sein? Sie können nicht in die Schule, sie können nicht zum Sport, abends gelten womöglich Ausgangsbeschränkungen, und vor dem PC soll man dann bitte auch nicht sitzen. Es wirkt, als könnte man es gerade nur falsch machen.»

Wie stark sich dies auf die Psyche vieler Jüngerer auswirkt, zeigt die repräsentative Studie «Generation Corona» der pronova BKK, für die 1.000 junge Menschen im Alter von 16 bis 29 Jahren befragt wurden.

Mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen fühlt sich demnach häufiger traurig oder depressiv als noch vor einem Jahr. 52 Prozent klagen über innere Unruhe. Vor allem junge Frauen sind demnach derzeit öfter traurig - 63 Prozent klagen darüber. Ihnen fehlt der persönliche Kontakt, die herzliche Umarmung. 60 Prozent der unter 30-Jährigen geben an, dass ihre körperliche Fitness während der Corona-Krise gelitten hat. 58 Prozent fehlen sportliche Aktivitäten in der Gruppe.

Gerade auch vor diesem Hintergrund fordert die Medizin-Ethikerin Christiane Woopen: «Die junge Generation hat jetzt die Solidarität der Gesellschaft verdient, damit sie möglichst schnell wieder ein normales Leben führen kann.» Das heißt für die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, dass die Impf-Mobile nicht nur sozial benachteiligte Viertel, sondern auch Schulhöfe und Uni-Campusse ansteuern sollten. Oder dass die Impfzentren gezielt für 16- bis 25-Jährige sowie für Eltern jüngerer Kinder öffnen.

Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigte Aufhebung der Impf-Priorisierung zum 7. Juni sieht Woopen kritisch: «Wenn ein so wertvolles Gut wie Impfstoff knapp ist, dann sollte dessen Verteilung nach Kriterien der Gerechtigkeit erfolgen und nicht einem freien Wettrennen überlassen werden.» Denn das dürfte jenen zugute kommen, die den besten Zugang und die besten Verbindungen haben. Die Jungen sind das in aller Regel nicht.

Anders sieht es der Bonner Virologe Hendrik Streeck - er unterstützt die Entscheidung von Spahn: «Die Unterschiede, die wir jetzt noch haben, sind nicht mehr so groß, als dass sie eine Priorisierung rechtfertigen würden», ist seine Überzeugung. Die Gerechtigkeitsdebatte sei gut und richtig, betont er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

«Mein Fokus wäre aber ein anderer: Wir sollten so schnell impfen, dass sich die Frage bald gar nicht mehr stellt. Wenn die Infektionszahlen weiter so sinken wie zurzeit, dann werden sowieso bald viele von uns ihre Grundrechte zurückhaben, ganz egal ob sie geimpft sind oder nicht.»
dpa
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