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26.10.2018 | 15:25 | Landwirtschaft 4.0 

Moderne Landwirtschaft: Technik mit neuen Herausforderungen

Ein Bauernhof mit freilaufenden Hühnern und Schweinen, die sich im Dreck suhlen, rotwangigen Erntehelfern und ursprünglicher Atmosphäre – den gibt es so romantisch tatsächlich so nur noch im Bilderbuch.

Moderne Landwirtschaft
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Alte Traktor waren gestern: Moderne Landwirtschaft setzt auf den Einsatz neuester Technologien. (c) Pixabay @ tmcsparron (CCO public domain)

Die moderne Landwirtschaft hat sich in den vergangenen 40 Jahren hin entwickelt zu einer hochtechnisierten Branche, in der marktwirtschaftliche Vorgaben und Ertragsmaximierung die Maßstäbe setzen.

Bauernhof 4.0

Auf den Bauernhöfen der Zukunft haben automatisierte und digitale Techniken vieles unter ihrer Kontrolle. Futterausgabe per Smartphone, computergestützte Auswertungen von Milchkühen oder digitale Steuerung bei der Düngung, das sind nur einige Beispiele dazu. Einen einfachen Traktor gibt es höchstens noch als Erbstück vom bäuerlichen Großvater in einem Stall zu sehen. GPS und Bordcomputer kommen heute auf modernen Traktoren in Einsatz, die kontrollieren können, wieviel Nährstoffe beim Düngen in den Boden müssen. Mit präziser digitaler Überwachung kann so eine Überdüngung des Bodens verhindert werden.

Im Stall hilft eine Fütterungs-App dabei, die reibungslose Versorgung der Schweine oder Rinder zu überwachen. So kann der Bauer von überall her und genau sehen, wenn beim Fütterungsprozess ein Problem entstehen sollte. Das Mitführen des Smartphones ist dann stets Pflicht. Familienbetrieb und Fortschritt müssen dabei keinen Gegensatz darstellen. Viele Landwirte, die die moderne Technik in ihrem Betrieb einsetzen, schätzen diese sehr, sie erleichtert ihnen nicht nur die Arbeitsabläufe, die freigesetzte Zeit können sie mehr in die individuelle Betreuung und Pflege ihrer Tiere stecken. Dies sind Aussagen vieler junger Bauern, die den Einsatz modernster Technik sehr zu schätzen gelernt haben.

Landwirtschaftliche Buchhaltung

Landwirtschaftsbetriebe sind stärker denn je zu knallhart kalkulierenden Unternehmen geworden. Je reibungsloser ein landwirtschaftlicher Betrieb seine buchhalterischen Vorgänge erledigen kann, desto mehr Zeit kann er in andere Bereiche investieren. Professionelle Buchhaltungssoftware bietet viele Vorteile gegenüber einer noch analog durchgeführten Buchhaltung. Sie überprüft alle gemachten betriebswirtschaftlichen Angaben nicht nur automatisch auf Fehler oder Lücken, sie weist auch auf diese Fehler hin. Durch die regelmäßigen Updates ist eine solche Software auch immer auf dem neuesten Stand bezüglich Regelungen und Steuersätzen.

In den meisten landwirtschaftlichen Betrieben sind Mitarbeiter beschäftigt. Auch diese gilt es ordnungsgemäß abzurechnen. Mit einer Software, die Lohn- und Gehaltsabrechnungen organisiert, kann nicht nur eine pünktliche und rechtssichere Lohnabwicklung jedes Mitarbeiters sichergestellt werden, auch die Datenübermittlung an das Finanzamt, die Krankenkassenverwaltung sowie die Stundenerfassung werden dabei miterfasst. Zahlungen werden automatisch erfasst und müssen nicht manuell überprüft werden. Es gibt heutzutage kaum einen Betrieb, dem eine automatisierte Buchhaltung keine Vorteile bringt. Technik und Tierwohl sind in einem modernen Bauernhof keine Widersprüche.
 

Moderner Bauernhof Bild vergrößern
Technik und Tierwohl sind in einem modernen Bauernhof keine Widersprüche. (c) Pixabay @ sasint (CCO public domain)
Eingebunden in Naturkreisläufe

Die Agrarwirtschaft hat eine ganz besondere Position in der Gesellschaft. Sie nimmt einerseits Bezug auf die Vorgänge in der Natur und die natürlichen Prozesse der Jahreszeiten, andererseits ist sie gefordert, diese Prozesse immer stärker zu optimieren, um die Erträge steigern zu können. Das ist nur noch mit modernster Technik möglich.

Die intensive industrielle und kapitalintensive Landschaft kommt ohne modernste Technik nicht mehr aus, um die erwarteten Ertragszahlen zu liefern. Diese sind seit den 1970er Jahren kontinuierlich angestiegen. Eine stets wachsende Bevölkerung muss ernährt werden und fordert mehr Nahrungsmittel. Doch gleichzeitig ist die weltweite Verteilung von Nahrung immer noch ungerecht und allein in der EU werden gewaltige Überschüsse produziert.

Viele Begleiterscheinungen dieser Entwicklung haben unmittelbare Auswirkung auf das Klima und die Umwelt. Die Methanausstöße durch die Gülleproduktion in der Schweine- und Rinderhaltung, gefährdete Bienenvölker und eine gefährliche Reduktion von Biodiversität durch Breitband-Pestizide wie Glyphosat seien hier genannt. Die unmittelbaren Folgen der expansiven Landwirtschaftspolitik machen sich immer deutlicher bemerkbar.

Rückschläge 2018

Der Jahrhundertsommer 2018 hat einen bedenklichen Ausblick auf bereits stattfindende Klimaveränderungen gegeben. Durch die langanhaltende Hitze und Trockenheit haben die Bauern in allen Bundesländern deutliche Ernteausfälle bei einer Vielzahl von Kulturen zu beklagen, vor allem in den Bereichen Getreide, Mais und Kartoffeln. In Hessen liegt die Getreideernte bei 14,4 Prozent unter dem durchschnittlichen Ertrag der letzten fünf Jahre. Diese schlechten Ergebnisse machen sich vor allem bei der Futterversorgung der Rinder bemerkbar.

Unter der langanhaltenden Dürre sind die Pegelstände in den bundesdeutschen Binnenflüssen auf bedenkliche Werte zurückgegangen. Auf Rhein und Elbe wurden Rekord-Niedrigwasserstände gemessen, was die Binnenschifffahrt belastet und Transportkosten erhöht. Die diesjährigen Dürreschäden haben sich bereits direkt auf die Konjunktur ausgewirkt. Die finanzielle Situation von vielen Landwirten hat sich zugespitzt, viele Bauern fahren ihre Investitionspläne laut dem Konjunkturbarometer des Deutschen Bauernverbandes zurück. Niedrige Erzeugerpreise bei höheren Betriebsmittelpreisen machen die Gewinnspanne immer schwieriger. Keine Wolken in Sicht: Die Ernteausfälle 2018 sind auf langanhaltende Dürre zurückzuführen.
   

Ernteausfälle 2018Bild vergrößern
Keine Wolken in Sicht: Die Ernteausfälle 2018 sind auf langanhaltende Dürre zurückzuführen. (c) Pixabay @ sasint (CCO public domain)
Aussichten und Herausforderungen

Viele Landwirte sind angesichts dieser Eindrücke überzeugt: Ein Umdenken ist bitter nötig. Eine moderne Landwirtschaft bedeutet heute nicht nur den Einsatz digitaler Technologien. Viele Kritiker der aktuell herrschenden Agrarpolitik fordern eine Abkehr von der Fokussierung auf Wachstum und Export in der Landwirtschaft.

Mit dem Druck, immer größere Mengen an Fleisch produzieren zu müssen, sind gerade kleinere landwirtschaftliche Betriebe überfordert und kommen an ihre Grenzen. Die stetige Senkung der Erzeugerpreise führt dazu, dass immer mehr Bauern ihren Betrieb aufgeben müssen. Die Preisgesetze im Milchmarkt sind auch für unzählige Kleinbauern in den armen afrikanischen Ländern problematisch. Denn die unschlagbar billigen Milchpulverimporte aus Europa gefährden ihre Lebensgrundlage. Deutschland war im Jahr 2015 Exportweltmeister bei der Produktion von Schweinefleisch. Die für ein maximales Wachstum benötigte Menge an Eiweißfutter machte die Zulieferung von Sojabohnen aus Argentinien und Brasilien nötig, oftmals in gentechnisch veränderter Form.

Was sind die zukunftsweisenden Wege? Auf Dauer setzt die bisherige Agrarpolitik Bauern stark unter Druck und erzeugt Überproduktion und eine daraus resultierende Vernichtung von Nahrungsmitteln. Die Forderungen vieler Experten drängen auf eine stärkere Nachhaltigkeit in der landwirtschaftlichen Produktion. Das betrifft viele Bereiche, insbesondere die Fleisch- und Milchproduktion.

Viele Landwirte wünschen sich eine Abkehr von den gültigen Gewinnmaximen. Die meisten Tierproduzenten wünschen sich bessere Haltungsbedingungen für ihre Tiere, die weit mehr sind als reine Fleischerzeuger. Durch die exzessiven Produktionsbedingungen ist die Zeit, sich mit dem eigenen Vieh zu beschäftigen, im Laufe der Jahre immer kürzer geworden. Mit dem Einsatz moderner Technik können Bauern besser für sie sorgen. Eine veränderte Agrarpolitik und -erzeugung kann auch auf politischem Weg für bessere Haltungsbedingungen sorgen.
Pd
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