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28.09.2021 | 15:18 | Spritzen-Phobie 

Wenn Impfen von extremen Ängsten begleitet wird

Hannover - Extreme Angst begleitet die 33-Jährige zu einem Impftermin. Sie hat das Gefühl, sie muss zum Schlachter.

Impfung
In den Nachrichten, auf Plakaten, in Internetportalen: Überall sieht man zurzeit Nadeln, die in Oberarme gestochen werden. Für Menschen mit einer Spritzen-Phobie ist das eine echte Herausforderung. (c) Adam Gregor - fotolia.com

«Die Angst würde ich durchaus als Todesangst bezeichnen», sagt die Frau, die nicht mit Namen genannt werden möchte. Seit dem Kindesalter kämpft sie mit einer sogenannten Blut-Spritzen-Verletzungsphobie. Der Einstich einer Spritzennadel sorgt bei ihr für Ohnmachtsanfälle. 29 Jahre lang habe sie sich deshalb kein Blut abnehmen lassen, Impftermine habe sie jahrelang nicht wahrnehmen können.

Dann kam die Corona-Schutzimpfung und der Druck stieg. Die Juristin wurde durch Zufall auf ein Therapie-Kurzprogramm des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psychiatrie in München aufmerksam, das Menschen mit einer Spritzen-Phobie helfen soll, ihre Ängste zu kontrollieren.

Das Programm richtet sich unter anderem an Menschen, die unter einer Spritzen-Phobie leiden und sich dennoch schnell impfen lassen möchten. In Einzelsitzungen werden sie unter anderem über die Erkrankung und die Symptome aufgeklärt, wie die Oberärztin der psychiatrischen Ambulanz des MPI und Projektgruppenleiterin des Programms, Angelika Erhardt, erläutert. In den Sitzungen werden demnach Fotos und Videos von Spritzen angeschaut sowie Spritzen in die Hand genommen. Kern der Kurztherapie sei die Exposition, in der Betroffene direkt mit der Angst konfrontiert werden.

Das Interesse an dem Programm sei hoch, sagt Erhardt. Zehn Patienten könne das MPI gleichzeitig in Einzeltherapien behandeln. Seitdem auch jüngere Generationen geimpft werden, hätten die Anfragen zugenommen - vorwiegend Patienten zwischen 20 und 35 Jahren zeigten Interesse.

Der Juristin wurde erst durch das Programm bewusst, dass sie seit Jahren an einer ernstzunehmenden Erkrankung leidet. Immer habe sie gedacht, sie würde sich anstellen. Sie stufte ihre Angst als eine Empfindlichkeit ein, «über die ich selber halt irgendwie hinwegkommen muss, aber eigentlich gar nicht weiß wie». Mittlerweile kann sie mit ihrer Angst besser umgehen. Die Corona-Schutzimpfungen wurden von dem Programm begleitet. Schon bei der zweiten Impfung habe sie eine deutliche Besserung zur ersten Impfung verspürt. «Man lernt, diese Angst auszuhalten», sagt sie.

Bei einer Spritzen-Phobie wird die Kurztherapie Erhardt zufolge von den Krankenkassen übernommen. «Das ist eine Erkrankung. Wir bewegen uns dann nicht im Rahmen von einem bisschen Angst vor der Spritze», sagt sie. Betroffene hätten wegen der Phobie negative Konsequenzen.

Bei Kindern und jungen Erwachsenen liege die Zahl der Betroffenen bei bis zu 20 Prozent. Über die gesamte Lebensspanne seien etwa drei Prozent betroffen, da die Erkrankungshäufigkeit im höheren Alter soweit bekannt absinke, erklärt Erhardt. Die Besserungschancen seien gut: 90 Prozent der Teilnehmer verließen das Programm mit einer Impfung oder einer Blutabnahme. Sie hätten dann vielleicht trotzdem noch Angst vor Spritzen, wüssten aber, wie sie damit umgehen.

Auch der Psychotherapeut Enno Maaß behandelt in seiner Praxis im niedersächsischen Wittmund Menschen mit einer Spritzen-Phobie. Er sieht Betroffene in seiner Praxis, die manchmal schwere Folgeerkrankungen haben - beispielsweise einen schlechten Zahnzustand oder unerkannte Diabetes-Erkrankungen.

Aus Scham und Angst gingen manche Betroffene gar nicht mehr zum Arzt, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). Die Entscheidung und Motivation, eine Therapie zu machen, sei der größte Schritt für Betroffene. «Der Rest ist dann in der Regel gut behandelbar», so Maaß.

Es spiele zudem eine Rolle, wie lange jemand von der Phobie schon geplagt sei. Vom ersten Auftreten einer psychischen Erkrankung bis zur Psychotherapie würden bei vielen Erkrankungen zwischen sieben und zwölf Jahren vergehen, erklärt der psychologische Psychotherapeut. In manchen Fällen helfe eine Langzeittherapie besser als ein Kurzprogramm. In einer ambulanten Therapie erhalte man im Gegensatz zum Kurzprogramm ein zugeschnittenes und individuelles Angebot, das sich auch mit dem persönlichen Kontext wie dem familiären Umfeld und den bisherigen biografischen Erfahrungen beschäftige.

Ein Problem ist laut Maaß, dass sich Angststörungen über Vermeidungsverhalten verstärken. Bei jedem Vermeiden sei eine Lernkurve dabei, die dem Betroffenen bestätige, dass die Situation wirklich etwas Gefährliches an sich habe. «Dadurch, dass ich etwas vermeide, gebe ich mir selbst das Signal, dass es wohl besser ist, das zu vermeiden», erklärt er.

Die betroffene Juristin kennt diesen Teufelskreis. «Man schiebt das alles ein bisschen hinaus», sagt sie. Das Impfheft habe sie bewusst zu Arztterminen nicht mitgenommen, zu groß war die Angst vor Nachfragen. Impfungen und vor allem Blutuntersuchungen habe sie versucht zu umgehen.

Sobald in einer Untersuchung eine Spritze angekündigt wurde oder vorkam, dachte sich die 33-Jährige demnach: «Nein, das mache ich auf gar keinen Fall». Dass man die Phobie mithilfe von Vernunft nicht kontrollieren kann, ist dem Angsterkrankungs-Experten Borwin Bandelow zufolge typisch. Phobien spielten sich in einem Teil des Gehirns ab, über den man keine Kontrolle habe.

Die 33-Jährige in München musste bei den Corona-Impfterminen gegen eine Ohnmacht anarbeiten - mithilfe einer Technik, die sie im Kurzprogramm des MPI gelernt hat. Für sie ist der Einstich der Spritze, die Verletzung, am schlimmsten. Auch habe sie Angst vor dem Schmerz, der beim Einstich der Nadel entstehe. Die Ursprünge solcher Ängste lägen weit in der Vergangenheit, sagt Bandelow, Psychiater und Psychologe an der psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.

Einst habe man sich möglichst nicht verletzen dürfen - schon, sich an einem Dorn zu stechen, habe im Zuge von Infektionen den Tod bedeuten können. «Alle Menschen haben eben einen Pieks vermieden wie die Pest.»

Noch schlimmer als das Impfen ist für die Juristin eine Blutentnahme. «Davor war ich echt kurz vorm Weinen. Dass man da mit 33 Jahren irgendwo sitzt und einem die Tränen in die Augen steigen, das war schon sehr, sehr schlimm», erinnert sie sich. Sätze wie «Schauen Sie weg» oder «Stell' dich nicht so an» hälfen da nicht, sondern bewirkten das Gegenteil.

Betroffenen rät Angstforscher Bandelow, sich mit der Angst direkt zu konfrontieren und sich impfen zu lassen. Bei einer sehr starken Phobie könne man sich notfalls ein Beruhigungsmittel verschreiben lassen und zur Impfung mitnehmen. Angehörige sollten behutsam mit Betroffenen umgehen und sie zu einem Impftermin begleiten. «Das Tun und Machen ist wichtiger als das Reden», erklärt er.

Am Ende des Programms hat die Juristin ihre Angst überwunden, sich impfen und Blut abnehmen lassen - ohne Beruhigungsmittel. Stolz und gleichzeitig überrascht sei sie danach gewesen. «Es löst eine Freude aus und eine Befreiung», erzählt sie. Nun möchte sie endlich wissen, ob mit ihren Blutwerten alles in Ordnung ist. Dank der Kurztherapie kann sie das - aber «Blutspender werde ich wahrscheinlich nicht», sagt sie und lacht.
dpa
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