Montag, 28.05.2012 | 12:26:38

Nachrichten


» Wissenschaft
RSS buchen

13.12.2008 | 16:55
vorwärts blättern in Rubrik zurück blättern in Rubrik

Bakterien entgiften Meerwasser
München - Manche Meeresbakterien produzieren Schwefelwasserstoff, der für Tiere giftig ist. Bakterien können die Meerestiere aber auch vor dem giftigen Gas schützen, haben Forscher nun festgestellt.

Bakterien entgiften Meerwasser (Bild: Jacques Descloitres, MODIS Rapid Response Team, NASA/GSFC)
Vor Namibias Küste entgifteten die Mikroorganismen eine riesige Wolke schwefelwasserstoffhaltigen Wassers, ehe es tödlich wirken konnte. (Nature, Online-Vorabveröffentlichung, 11. Dezember 2008)

Schwefelwasserstoff (H2S) ist berüchtigt für seinen Gestank nach faulen Eiern. Die chemische Verbindung riecht nicht nur übel, sie ist auch hoch giftig. Beim Menschen kann sie in hohen Konzentrationen innerhalb kurzer Zeit zum Tod führen. Auch der Küstenfischerei - die etwa 90 Prozent der gesamten weltweiten Fischerträge erwirtschaftet - droht Gefahr durch das giftige Gas. Denn die Überdüngung der Küstengewässer führt dazu, dass sich dort regelmäßig Sulfid bildet. Dieses kann die Fischbestände drastisch reduzieren.

Bakterien werden einerseits die Entstehung des tödlichen Sulfids verantwortlich gemacht, können andererseits aber auch als Retter in der Not auftreten, hat nun eine internationale Gruppe von Forschern vom Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen, dem National Marine Information & Research Centre aus Namibia, dem Institut für Ostseeforschung Warnemünde und der Abteilung für Mikrobielle Ökologie der Universität Wien festgestellt. Deren überraschendes Ergebnis: Vor der Küste Namibias entgifteten die Mikroorganismen eine Fläche von etwa 7.000 Quadratkilometern - fast dreimal so groß wie Luxemburg.

Die Forscher untersuchten das Auftreten von Sulfidwolken vor der Westafrikanischen Küste. Im Frühjahr 2004 stießen sie auf eine solche Wolke von einer Größe von etwa 7.000 Quadratkilometern, die über dem Meeresboden schwebte. An der Meeresoberfläche lagerte eine Schicht sauerstoffreichen Wassers. In Anwesenheit von Sauerstoff wird das giftige Sulfid abgebaut (oxidiert) und in ungiftigen Schwefel umgewandelt. Gaute Lavik, Torben Stührmann, Marcel Kuypers und ihre Kollegen fanden heraus, dass zwischen dem Tiefen- und dem Oberflächenwasser sich eine Schicht gebildet hatte, in der weder Sulfid noch Sauerstoff vorhanden war. Wohin verschwand das Gift? "Ganz offensichtlich wurde es anaerob - also ohne Sauerstoff - oxidiert", erklärt Torben Stührmann. "Viele Bakterien brauchen zum ‚Atmen’ keinen Sauerstoff sondern nutzen stattdessen Nitrat (NO3). Und tatsächlich fanden wir überlappende Wasserschichten von Sulfid und Nitrat."

Diese Übergangsschicht ist der Lebensraum der entgiftenden Bakterien. Diese sind eng verwandt mit Bakterien von heißen und kalten Tiefseequellen. Mithilfe des Nitrats wandeln sie das Sulfid in fein verteilte Schwefelpartikel um, die ungiftig sind. So schaffen die Mikroorganismen eine Pufferzone zwischen dem giftigen Tiefenwasser und der sauerstoffreichen Wasseroberfläche und retten damit Fischen und anderen Meerestieren das Leben - und zahlreichen Fischern ihre Fänge.
 
Diese Erkenntnisse sind nicht nur für die Fischerei vor der Küste Westafrikas bedeutsam. Sie legen nahe, dass auch und gerade Lebensgemeinschaften am Meeresboden deutlich öfter als vermutet von den giftigen Wassermassen betroffen sind.

Denn das Auftreten sulfidischer, giftiger Wassermassen wurde bisher mithilfe von Satelliten überwacht, die auf ihrer Umlaufbahn Bilder von der Meeresoberfläche machen. Der von Bakterien aus dem Sulfid gebildete Schwefel im Oberflächenwasser ist als weißlich-türkise Verfärbung zu erkennen. Werden die Sulfidwolken aber bereits in tieferen Wasserschichten abgebaut, sind sie für die Satelliten nicht zu erkennen. "Wir gehen daher davon aus, dass es deutlich mehr dieser sulfidischen Ereignisse gibt, als bisher vermutet", erklärt die namibische Meereskundlerin Anja van der Plas. "Sie wurden nur mit den konventionellen Methoden übersehen."

"Unsere Entdeckung einer entgiftenden Bakterienblüte hat sowohl einen positiven als auch einen beunruhigenden Aspekt", fasst Gruppenleiter Marcel Kuypers die Forschungsergebnisse zusammen. "Schwefelwasserstoff ist giftig für höheres Leben und tötet Fische, Krabben und sogar Hummer schon in niedrigen Konzentrationen. Die gute Neuigkeit: Die nun entdeckten Bakteriengruppen verbrauchen augenscheinlich das gesamte Sulfid, ehe es das von Fischen bevölkerte Oberflächenwasser erreicht. Besorgniserregend ist aber, dass ein Gebiet so groß wie das Wattenmeer von sulfidischem Bodenwasser betroffen sein kann, ohne dass wir es mit Satellitenmessungen oder Überwachungsstationen an der Küste bemerken."

Massensterben von Meereslebewesen durch Erstickung gibt es übrigens nicht nur vor Namibia, wo diese Sulfid-Wolken natürlich auftreten. Ähnliche Berichte liegen beispielsweise aus Kalifornien, Indien und dem Golf von Mexiko, aber auch aus europäischen Küstengewässern vor. "Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Überdüngung durch den Menschen und die globale Erwärmung in Zukunft noch deutlich öfter zum Auftreten von Sauerstoffarmut in Küstengewässern führen werden. Damit steigt auch die Gefahr sulfidischer Wassermassen", erklärt Gaute Lavik. "Doch wir können das Auftreten der Sulfidwolken nun zu bestimmten Umweltbedingungen in Beziehung setzen. Dies bietet die möglichkeit, zukünftig solche Ereignisse vorherzusagen."


Hintergrund: Todbringender Schwefelwasserstoff

Schwefelwasserstoff entsteht überall dort, wo menschliche, tierische oder pflanzliche Materie verfault und abgebaut wird. Der auffällige Geruch stellt eine eindringliche Warnung vor dem giftigen Gas dar. Zunächst reizt das Gas Augen und Atemwege. Bei Einwirkung sehr hoher Konzentration kann es innerhalb weniger Sekunden zum Atemstillstand führen. Einige Forscher machen Schwefelwasserstoff sogar für das massenhafte Aussterben zahlreicher Tier- und Pflanzenarten in der früheren Erdgeschichte verantwortlich. Eine sinkende Sauerstoffkonzentration in den Ozeanen können demnach dazu führen, dass der Schwefelwasserstoff aus den tieferen Wasserschichten an die Oberfläche steigt und dort in die Atmosphäre blubbert - wo er dann seine giftige Wirkung auf die Landlebewesen entfaltet. (MPG)


Verfärbtes Oberflächenwasser vor Namibia, das durch die Freisetzung giftigen Schwefelwasserstoffs aus dem Meeresboden entsteht. (Bild: Jacques Descloitres, MODIS Rapid Response Team, NASA/GSFC)Bild vergrößern
Spitze des Eisbergs? Verfärbtes Oberflächenwasser vor Namibia, das durch die Freisetzung giftigen Schwefelwasserstoffs aus dem Meeresboden entsteht. Satelliten erfassen möglicherweise nur einen Teil dieser natürlichen Ereignisse, da die von Torben Stührmann entdeckten Bakterien das Sulfid verbrauchen, ehe es die Wasseroberfläche erreicht. (Bild: Jacques Descloitres, MODIS Rapid Response Team, NASA/GSFC)
Grindwale umschwimmen das Forschungsschiff  A. v. Humboldt in großer Dichte. (Bild: Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie)Bild vergrößern
Grindwale umschwimmen das Forschungsschiff "A. v. Humboldt" in großer Dichte. Die giftige Sulfidwolke im Tiefenwasser treibt alle schwimmenden Lebewesen an die Meeresoberfläche. Daran weiden sich Wale und Delphine ebenso wie Seehunde, Kalmare und riesige Fischschwärme. Letztere ziehen Seevögel an, die zahlreich über dem Gebiet kreisen. "Noch nie habe ich so viele Meerestiere an einem Fleck gesehen wie über der Sulfidwolke", sagt Fahrtleiter Ulli Lass. (Bild: Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie)
Kommentieren Weiterleiten
Drucken

Status:
Name / Pseudonym:
Kommentar:
Weitere Artikel zum Thema
27.03.2012
Kanzlerin: Neues Forschungsschiff für Kieler Geomar-Institut
MeerKiel - Wissenschaft und wirtschaftliche Interessen: Die Kanzlerin besuchte in Kiel das Geomar Institut für Meereswissenschaften. Es leistet auch  wichtige Forschungen für den Meeres-Bergbau. Als «Gastgeschenk» brachte Merkel die Zusage für ein neues Forschungsschiff.
27.03.2012
Krabbenfischer auf Exotensuche im Netz
KrabbenBremerhaven - Krabbenfischer werden mit Beginn der Saison in der Nordsee auch auf die Suche nach Exoten im Netz gehen
26.02.2012
Nanopartikel verändern Verhalten und Stoffwechsel von Fischen
Toter FischLund - Nanopartikel aus einem bestimmten Kunststoff können das Fress-Verhalten und den Fettstoffwechsel bei Fischen beeinflussen.
Sie befinden sich: Nachrichten » Wissenschaftnach oben
Nachrichten
Agrarpolitik
Agrarwirtschaft
Unternehmen
Landtechnik
Pflanze
Tier
Bio-Landbau
Wissenschaft
Wald & Forst
Umwelt
Energie
Verbraucher
Karriere
Landleben
Medizin-Splitter
IT & Medien
Veranstaltungen
Neuerscheinungen
Premium-News
Archiv
RSS-Channel

Agrarnachrichten-Ticker
Schlagzeilen
Archiv
Premium-News
Agrar-Suchbegriffe
RSS-Channel
Markt & Preis
Warenbörsen
Mannheimer Produktenbörse
Frankfurter Produktenbörse
Stuttgarter Produktenbörse
Bayerische Warenbörse
Würzburger Produktenbörse
Vereinigte Getreide- u. Produktenbörse Braunschweig - Hannover - Magdeburg
Getreide- und Produktenbörse Paderborn
Hamburger Getreidebörse
Bremer Getreide- und Futtermittelbörse
Getreide- und Produktenbörse Paderborn
Rheinische Warenbörse
Mitteldeutsche Produktenbörse - Berlin - Brandenburg
Mitteldeutsche Produktenbörse - Dresden
Mitteldeutsche Produktenbörse - Erfurt
Mitteldeutsche Produktenbörse - Halle
Börse Wien

Warenterminmärkte
CBoT-Weizen
CBoT-Mais
MATIF-Weizen
MATIF-Raps
MATIF-Mais
EUREX-Schweine
EUREX-Ferkel

Stellenmarkt
Stellenangebote
Stellengesuche
Online-Journal

Marktplatz
Landtechnik
Traktoren
Traktorzubehör
Baumaschinen
Ersatzteile
Erntetechnik
Saattechnik
Fütterungstechnik
Räder
Bodenbearbeitung
Kommunalgeräte
Forsttechnik

Kleinanzeigen
Angebote
Gesuche

Büchermarkt
Angebote
Wetter
Agrarwetter Deutschland
Agrarwetter Baden-Württemberg
Agrarwetter Bayern
Agrarwetter Brandenburg
Agrarwetter Hessen
Agrarwetter Mecklenburg-Vorpommern
Agrarwetter Niedersachsen
Agrarwetter Nordrhein-Westfalen
Agrarwetter Rheinland-Pfalz
Agrarwetter Saarland
Agrarwetter Sachsen-Anhalt
Agrarwetter Schleswig-Holstein
Agrarwetter Thüringen

Niederschlagsradar
Unwetterwarnung Deutschland
15-Tage-Temperaturtrend

Agrarwetter Österreich
Agrarwetter Schweiz

Profiwetter Deutschland
Profiwetter Österreich
Profiwetter Schweiz
Agrar-Branchenbuch
Alle Rubriken
Produktverzeichnis
Firmenverzeichnis

Behörden
Bildungseinrichtungen
Organisationen
Bio-Handel
Fruchthandel
Direktvermarkter
Innenwirtschaft
Landhandel
Landtechnik
Lohnunternehmen
Pflanzenproduktion
Tierproduktion
Verarbeitung
Beratung
Energie
Hofurlaub
Veranstaltungen
Garten- und Landschaftsbau
Maps
Agrarstatistiken
Bodenpreise
GVO

Agrarforum

Veranstaltungen
Messen Ausstellungen
Tagungen Symposien Kongresse
Workshops Seminare Vorträge
Info-Veranstaltungen
Feldtage
Auktionen Warenbörsen
Feste
Wettbewerbe
Traktor-Pulling

Infothek

Lexikon: 
Landwirtschaft Unkräuter

Wörterbuch: 
Landwirtschaft Landtechnik Pflanzenkrankheiten Pflanzenschädlinge Unkräuter Nutztiere Tiergesundheit

Pflanze: 
Mais Weizen Gerste Roggen Reis Raps und Rübsen Sonnenblume Sojabohne Baumwolle Zuckerrübe Kartoffel Wein Tabak
Tier: 
Rind Schwein Schaf Ziege Geflügel

Landhandel
Landtechnik
Lohnunternehmen
Pflanzenproduktion

Umfrage
Mediathek
Fotos
Videos
Für angemeldete User
Stellenanzeige schalten
Kleinanzeige schalten
Eintrag ins Branchenbuch
Online-Landvermessung
Wetter-Profile anlegen
Projekte in Maps anlegen
Newsletter-Profil anlegen
Zugang Unkraut-Lexikon
Zugang Premium-News

zur Anmeldung
Service
Bannerschaltungen
Newsticker
Agrarfotos
PR-Meldungen
Agrarmarkt-Informationen
Agrarmarkt-Widget
Wetterfenster für Homepage

Info + Preise

Kontakt
Weitere Online-Angebote von Proplanta:
© proplanta 2006-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Suche starten
Klick für Seitenübersicht
Status:
Webseite:
E-Mail Empfänger:
Nachricht:
Eigene E-Mail:
Hinweis: Die Angabe der E-Mail-Adresse dient nur zum Versenden sowie dazu, den Empfänger zu informieren. Die Adressen werden nicht für Werbe- oder andere Zwecke verwendet.
Kopie zusenden