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09.02.2012 | 15:55 | Stromverbrauch 

Trotz Atomausstiegs - deutscher Strom wärmt Frankreich

Berlin/Paris - Die Bürger werden schon aufgefordert, abends auf das Anwerfen der Waschmaschine zu verzichten.

Stromexport
(c) proplanta
Die seit Tagen anhaltende Eiseskälte treibt im Nachbarland Frankreich derzeit den Stromverbrauch in Rekordhöhen. Abends, wenn viele Franzosen nach Hause kommen und die zahlreich vorhandenen Stromheizungen anwerfen, werden bis zu 101.700 Megawatt an Leistung benötigt, geschehen am Mittwoch.

Das neue Allzeithoch entspricht der Stromproduktion von mehr als achtzig Atomreaktoren mit 1.200 Megawatt Leistung. Zum Vergleich: Deutschland braucht abends lediglich eine Leistung von 50.000 Megawatt - trotz über 15 Millionen Einwohnern mehr. Grund ist die viel geringere Anzahl an Stromheizungen. Wegen der Engpässe war der Strombörsenpreis in Frankreich zuletzt mit 34 Cent je Kilowattstunde fast dreimal so hoch wie in Deutschland.

Dass die französischen Energieversorger nun ausgerechnet aus der Bundesrepublik Stromhilfe benötigen, ist für die Regierung in Paris, aber auch für deutsche Atomlobbyisten bitter. In Frankreich war Deutschland für die überstürzte Stilllegung von acht Atommeilern etwas belächelt worden. Nach dem GAU in Fukushima führten deutsche Energiemanager Stromimporte aus Frankreich als Beleg dafür an, dass die Energiewende ein Irrsinn sei.

Nun leuchtet auf den Seiten der europäischen Übertragungsnetzbetreiber fast zu allen Tageszeiten Deutschland gelb - das bedeutet, es gibt einen Exportüberschuss beim Strom. Ein Teil geht stets nach Frankreich, das fast die ganze Zeit blau eingefärbt ist - der Bedarf kann nicht mehr mit eigenen Kraftwerken gedeckt werden, trotz derzeit 55 Atomkraftwerken, die eine Leistung von rund 60.000 Megawatt haben.

Frankreichs Energieminister Eric Besson betont, dass die aktuelle Lage eine Ausnahmesituation sei. «Über das Jahr gesehen sind wir Stromexporteur», ließ er mitteilen.

Die aktuelle Situation ist allerdings auch in anderer Hinsicht trügerisch. Fallen mehrere Kraftwerke aus, könnte sich auch in Deutschland die Lage weiter anspannen, vor allem wenn es zusätzlich Wetterlagen mit wenig Wind und viel Wolken gibt. Das zeigt, wie volatil die Situation im Zuge der Energiewende ist. Den Großteil der Versorgung decken weiterhin konventionelle Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke ab.

Trotz fast 50.000 Megawatt (MW) an installierter Leistung bei Windkraft- und Solaranlagen liefern diese je nach Wetter teils nur 5.000 bis 10.000 MW Strom - auch wenn sie gerade in der Mittagszeit Verbrauchsspitzen abfedern.

RWE-Chef Jürgen Großmann betont: «Niemand kann ein Interesse haben an einem großflächigen Blackout, der einen gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen würde.» Aber Fakt sei, dass man derzeit nur auf Sicht fahre. RWE-Vorstandsmitglied Leonhard Birnbaum vergleicht die derzeitige Situation mit der Titanic: «Wenn das Schiff über den Nordatlantik mit Volldampf nach New York fährt und dort heil ankommt, ist alles prima.» Keiner weiß aber, wie viele Gefahren auf dem Weg gelauert haben - und wenn das Schiff doch gegen einen Eisberg fährt, heiße es: «Das hätte man doch wissen müssen».

Nach Angaben der Bundesregierung gab es im Netz bisher trotz der Unkenrufe keine bedrohliche Situation, weil das n-1-Kriterium nicht unterschritten wurde. Das bedeutet, dass immer noch eine zusätzliche Leitung ausfallen kann, ohne dass es zu Netzproblemen kommt.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) macht deutlich: «Wie bei der falschen Prognose höherer Strompreise hat sich auch die Prognose als falsch erwiesen, dass die Netze bei Kälte zusammenbrechen.»

In den Chefetagen der deutschen Energiekonzerne heißt es hingegen: «Wir haben bisher schlicht Schwein gehabt.» Denn teilweise sei auch in Deutschland der Strombörsenpreis auf 16 Cent je Kilowattstunde gestiegen, weil sogar alte Ölkraftwerke Strom produzieren mussten - diese sind besonders teuer und bestimmen den Preis. Das sei ein klares Indiz, dass es im Kraftwerkspark kaum noch Reserven gebe.

Letztlich, und da sind sich ausnahmsweise fast alle einig, müsste vor allem der Weg des Energiesparens weiter verfolgt werden, um die Winter ohne Blackouts zu überstehen. Doch bei der energetischen Gebäudesanierung hakt es gewaltig, statt 1,5 Milliarden Euro stehen wegen Einnahmeausfällen im Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten vorerst für 2012 nur 900 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung.

Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) betont, durch eine bessere Dämmung in den Gebäuden könne bis zu 70 Prozent an Energie gespart werden. Doch die Unsicherheit ob der Sanierungsförderung führe bei vielen Bürgern zu Verunsicherung, so Dena-Chef Stephan Kohler. «Sie kaufen eher neue Küchen oder lassen das Bad renovieren.» (dpa)
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