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26.06.2021 | 07:50 | Brexit-Fazit 

Sechs Monate EU-Handelsvertrag: Brexit treibt die Kosten

London - Neue Zollhürden und drohender Fachkräftemangel: Ein halbes Jahr nach der Trennung vom EU-Binnenmarkt zieht die Wirtschaft ein kritisches Brexit-Fazit.

Großbritannien
Wenig Gutes hatten Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals vom Brexit erwartet. Der in letzter Sekunde vereinbarte Handelsvertrag zwischen Brüssel und London ließ viele dann aufatmen. Wie lautet das Fazit nach sechs Monaten? (c) proplanta

Die ersten Monate ließen keinen positiven Trend erkennen, sagte York-Alexander von Massenbach von der Britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG) der Deutschen Presse-Agentur. Im Gegenteil: «Ich hätte hier mit mehr Pragmatismus gerechnet, jedoch erscheinen beide Seiten wenig kompromissbereit.»

Von «teething problems», Kinderkrankheiten, spricht die britische Regierung oft, die sich schon einruckeln würden. Doch schon nach sechs Monaten ist absehbar, dass es dauerhafte Probleme geben wird.

Wegen neuer Zollanforderungen sind Aufwand und Kosten höher, wie Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Handelskammer AHK in London, der dpa sagte. «Wann Lieferketten wieder genauso reibungslos wie vor dem 31. Dezember 2020 operieren werden, ist unklar. Deswegen haben viele Unternehmen unter anderem in längerfristige Lagerkapazitäten investiert», sagte Hoppe. Das treibt die Kosten - und dämpft das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal um ein Prozentpunkt, wie Michal Stelmach von der Beratungsgesellschaft KPMG schätzt.

Großbritannien war zum 1. Januar 2021 nach schwierigen Verhandlungen auch aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt ausgeschieden. Daraufhin kam es zu Lieferproblemen - Grund waren neue Vorschriften und Formalitäten. In einigen Branchen gelten trotz des Abkommens nun Zölle.

Ein halbes Jahr danach stellen sich die Unternehmen zwar langsam auf die neuen Anforderungen ein. «Die Einschnitte waren auch zuletzt deswegen so drastisch, weil das Abkommen sehr spät kam und Unternehmen sich praktisch über Nacht mit einer Flut von neuen Vorschriften konfrontiert sahen», sagte von Massenbach. Doch gerade kleinere und mittelständische Unternehmen dürften es schwer haben, sich auf dem Markt zu behaupten, zumal viele nicht über das nun notwendige Personal verfügen, um die Bürokratie zu stemmen.

Vor allem britischen Firmen fehlt zudem die Anbindung an die EU. Ein gesteigertes Interesse an einem eigenen Standort in Deutschland hat von Massenbach ausgemacht. Denn jede Lieferung von Großbritannien über den Ärmelkanal muss nun aufwendig deklariert werden. Das merken vor allem Branchen, die stark von internationalen, reibungslos funktionierenden Handelsketten abhängen wie die Autoindustrie, die allein etwa ein Viertel des deutsch-britischen Handels ausmacht.

Die Folgen des EU-Austritts seien schädlich für die Wirtschaft, kommentierte die britische Zeitung «Independent». «Bereits jetzt haben sie zu einem Trauma in Teilen der Landwirtschaft und der Fischerei geführt und einen Verlust an Investitionen in der verarbeitenden Industrie und in der Wirtschaft insgesamt bewirkt.» Um 2,5 Prozent werde das britische Bruttoinlandsprodukt wegen langfristiger Brexit-Folgen niedriger sein, schätzt KPMG-Experte Stelmach.

Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen 1997 handelte Großbritannien im ersten Quartal mehr mit Nicht-EU-Ländern als mit der Gemeinschaft. Die britischen Lebensmittelexporte in die EU brachen um fast die Hälfte (47 Prozent) auf rund 1,7 Milliarden Pfund (2 Mrd Euro) ein. Der Branchenverband Food and Drink Federation sprach von einem «Desaster» und warnte, dies sei ein klares Anzeichen, was die Zukunft bringe.

Noch sei es aber zu früh, von einer Trendwende zu sprechen, sagte Stelmach. Die britische Wirtschaft habe sich zu Jahresbeginn mit Brexit und der Pandemie in einem «perfekten Sturm» befunden. Vieles ist auch nach sechs Monaten noch unklar - zumal der Vertrag einige Fragen offen gelassen hat, etwa die Rolle der gerade für Großbritannien wichtigen Finanzbranche.

Viele kleinere britische Finanzdienstleistungsunternehmen machten sich erst jetzt Gedanken, ob sie für die Beratung deutscher Kunden eine Lizenzierung oder Genehmigung der deutschen Finanzaufsicht Bafin benötigten, sagte von Massenbach, der das Londoner Büros der Wirtschaftskanzlei Luther leitet.

Ein Problem, das sich zudem in seiner ganzen Dimension noch gar nicht ausgewirkt hat, sind die neuen Hürden für Arbeits- und Aufenthaltsrecht sowie für Dienstleistungen. «Manchen Unternehmen wird es schwerer fallen, geeignete Arbeitskräfte zu finden - erste Stimmen äußern sich hier schon deutlich», warnte AHK-Chef Hoppe.

Betroffen ist etwa das Gastgewerbe, das wegen der Corona-Krise etliche EU-Kräfte verlor, von denen wohl nach der Pandemie nur ein Teil zurückkehren wird. Die heimischen Angestellten können das Defizit nicht aufwiegen. Landwirtschaft und Pflege sind weitere Bereiche, in denen Fachkräfte aus der EU fehlen.

BCCG-Vertreter von Massenbach warnt in diesem Zusammenhang vor einer weiteren Gefahr. So werde auch der akademische Austausch, etwa in Form von Praktika «faktisch unmöglich gemacht», sagte er. «Die neuen Migrationsbestimmungen sind für mich daher eine der gravierendsten Folgen des Brexits, deren Auswirkungen sich im vollem Umfang noch zeigen werden.»
dpa
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