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10.04.2013 | 08:03 | Sauberer Bodensee 

Bodenseefischer beklagen geringen Fischertrag

Friedrichshafen - Gert Meichle zieht an seinem Netz. Ganz langsam, Meter für Meter rutschen die Maschen aus dem kalten Bodenseewasser in das Fischerboot.

Bodensee
(c) proplanta
Kretzer hängen daran, ein paar Trüschen, Felchen und Saiblinge, auch ein kleiner Hecht hat sich in dem Nylon verfangen. Sie schnappen nach Luft, zappeln in den Fäden hin und her. Gert Meichle greift mit gelben Gummihandschuhen nach den Fischen und zieht sie mit mechanischen Bewegungen aus den Maschen heraus. So richtig zufrieden sieht er nicht aus. «Heut läuft es ganz gut», sagt der Berufsfischer. «Aber manchmal hab ich auch wochenlang nur zwei Fische im Netz.»

Leere Kisten bringt momentan nicht nur er mit nach Hause: Am Bodensee-Obersee - dem größeren der beiden Seen des Bodensees - ist der Fisch-Ertrag 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 40 bis 50 Prozent gesunken.

Endgültige Zahlen gebe es derzeit noch nicht, heißt es bei der Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg. Rückläufig sei der Fang aber schon seit mehr als zwanzig Jahren. «Momentan decke ich noch nicht mal meine Kosten», sagt Meichle.

Der 51-Jährige schiebt die dicke Fellmütze auf dem Kopf zurecht und zündet sich eine Zigarette an. Seit sieben Generationen fährt seine Familie in Friedrichshafen auf den Bodensee hinaus, gelernt hat Meichle sein Fischerhandwerk vom Großvater. Heute nimmt er manchmal seinen Sohn mit auf den See. «Fischer wird er aber sicher nicht mehr», sagt Meichle mit hörbarer Resignation in der Stimme.

Denn wer heute als junger Fischer anfangen wolle, bekomme kaum noch Kredite von den Banken, sagt Meichle. Zu niedrig ist der Verdienst, zu hoch sind die Risiken in dem Beruf. Uwe Hornstein steht neben ihm und nickt - auch er hatte Startschwierigkeiten. Der 28-Jährige aus Meersburg bildet mit Meichle eine Zweckgemeinschaft auf dem kleinen Fischerboot: Um Sprit, Kraft und Zeit zu sparen, fahren die beiden zusammen auf den See hinaus.

Die beiden bilden dabei nur äußerlich ein ungleiches Paar: Gert Meichle bringt einiges auf die Waage, in seinem Ölanzug sieht er noch kräftiger aus als er eigentlich ist. Seinem Gesicht mit den roten Backen meint man die vielen Jahre auf dem Bodensee regelrecht anzusehen - seit mehr als 30 Jahren fährt Meichle hinaus. Dagegen ist der schmale Hornstein mit seinen paar Jahren Erfahrung fast noch ein Neuling. «Wir verstehen uns aber gut», sagt Hornstein und Meichle nickt. Wer jeden morgen stundenlang auf dem stillen See verbringt, braucht einen Partner, mit dem man auf einer Wellenlänge liegt.

Doch weil es wirtschaftlich trotz ihrer Boots-WG nicht mehr so richtig läuft, will Hornstein es in diesem Sommer zusätzlich noch mit einem Bootsverleih versuchen. «Wenn das nicht genügend einbringt, muss ich aufhören», sagt er. Dass die Erträge sinken, hat für die Beiden - genau wie für viele ihrer Kollegen - einen Hauptgrund: Der Bodensee ist so sauber wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Doch was für den Tourismus ein gutes Signal ist, beobachten die Fischer mit einiger Sorge: Den Fischen fehlen Nährstoffe, sie wachsen zu langsam, sagen sie. Vor rund dreißig Jahren sei ein Bodenseefelchen mit drei Jahren rund 500 Gramm schwer gewesen, heißt es beim Verband Badischer Berufsfischer. «Heute braucht er vier Jahre, damit er 300 Gramm hat.»

Das Wasser spritzt in das kleine Fischerboot, als Hornstein das Netz mit einiger Kraftanstrengung über die Reling zieht. Meichle befreit die Fische aus den Maschen und wirft sie in Plastikkisten. Kretzer (die auch Flussbarsche genannt werden) in die eine, Trüschen (dorschartige Süßwasserfische) in die andere. Sie arbeiten schnell und konzentriert, ohne viel zu sprechen. Die Zeit drängt. Zwar ist es noch nicht einmal sieben Uhr, aber bis zum Mittag müssen sie die gefangenen Fische noch ausnehmen und zum Teil filetieren, bevor sie anschließend verkauft werden.

Für das Panorama des Bodensees, der um sie herum langsam zum Leben erwacht, haben die beiden kaum einen Blick. Dabei haben sie einen guten Tag erwischt: Seit Wochen lässt sich mal wieder die Sonne blicken, langsam verzieht sich der Nebel. Das Boot liegt ein paar hundert Meter vor dem Stadtgebiet von Friedrichshafen im Wasser, das spiegelglatt scheint. Kein anderes Schiff ist zu sehen, nur ein paar Möwen kreisen über das kleine Fischerboot. Ansonsten ist es still.

Die Eiseskälte kriecht den beiden Fischern unter die Ölanzüge, die Finger werden klamm vom kalten Wasser - aber die klare Sicht verspricht einen schönen Frühlingstag. «Das macht die Fischerei eigentlich aus», sagt Meichle. «So früh am Morgen, da gehört der See noch uns.»

Meichle und Hornstein machen eine kurze Pause, bevor sie das nächste Netz herausholen. Zwölf Stück fahren sie an diesem Morgen an, etwa 30 Kilo werden später in ihren Kisten liegen. Eigentlich bräuchten sie jeden Tag eine solche Menge - pro Kopf. Eine Schweizer Marktstudie habe ergeben, dass ein Familienbetrieb am Bodensee einen jährlichen Ertrag von etwa sechs bis sieben Tonnen brauche, sagt Roland Rösch von der Fischereiforschungsstelle im etwa 15 Kilometer entfernten Langenargen. «Das würde für 60 bis 70 Berufsfischer reichen.»

Momentan leben etwa 120 von ihnen rund um den Bodensee-Obersee von der Fischerei. Auf württembergischer Seite gibt es noch sieben Berufsfischer, vor wenigen Tagen waren es noch acht. «Es hat schon wieder einer aufgegeben», sagt Hornstein. Andere setzen auf ein zweites oder auch drittes Standbein, vermieten Ferienwohnungen oder verleihen Tret- und Ruderboote.

Vom Fischen allein können viele schon jetzt nicht mehr leben. «Wenn meine Frau nicht arbeiten würde, ginge es auch für mich nicht weiter», sagt Meichle. Was er sonst machen würde - er weiß es nicht. «Ich hab's mal für ein paar Wochen im Büro versucht», sagt er. «War nichts für mich.»

Dass sich im See etwas verändert, spürt und sieht er täglich. «Alles ist im Umbruch», sagt er. Seine Kretzer seien inzwischen etwa ein Drittel kleiner als früher. Er nimmt einen davon in die Hand - in seinen großen Händen mit dem dicken gelben Gummihandschuh wirkt der Fisch noch kleiner. Er schnappt nach Luft, aus seinem Mund drückt schon die Schwimmblase heraus. Nach dem Ausnehmen und Filettieren bleibe nicht mehr viel von ihm übrig, sagt Meichle. «Das Kilo verkaufe ich dann für 30 Euro.» Viele Restaurant und Gaststätten müssten inzwischen schon Fisch von auswärts zukaufen, weil der Ertrag aus dem Bodensee nicht ausreiche.

Das sah vor einigen Jahren noch anders aus: Ab den 1950er Jahren stieg der Phosphatgehalt im Bodensee stetig an. Dafür sorgten unter anderem die Industrialisierung, eine intensivere Landwirtschaft und eine steigende Zahl der Bewohner im Einzugsgebiet. «Dadurch hat der Phosphateintrag in den See stark zugenommen», sagt Rösch. In den Siebzigern und Achtzigern lag er zeitenweise bei bis zu 90 Mikrogramm pro Liter. Mit dem steigenden Nährstoffgehalt gediehen nicht nur die Algen im Wasser, sondern auch der Fischfang: Bis zu 1.800 Tonnen hatten die Fischer in den 1980er Jahren jährlich in ihren Netzen.

Schon in den 60er Jahren begann aber auch ein Umdenken in Richtung Umweltschutz: Um die Wasserqualität zu verbessern, hätten die Bodensee-Anrainerländer insgesamt mehrere Milliarden Euro in Kläranlagen investiert, sagt Rösch. Mit der Folge, dass der Phosphatgehalt ab den 80er Jahren wieder stetig abnahm. «Im vergangenen Jahr lag er nur noch bei 5,9 Mikrogramm pro Liter. Das ist ein Wert wie zu Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.»

Das wirkt sich indirekt auch auf den Fischerei-Ertrag aus: Weniger Phosphor regt weniger Algenwachstum an, was wiederum weniger Futter für die Fische bedeutet. Dass die Berufsfischerei am Bodensee-Obersee aussterben wird, glaubt Rösch von der Fischereiforschungsstelle trotzdem nicht. «Einen gewissen Ertrag liefert der See immer», sagt er. «Unsere Prognose für die nächsten Jahre: 400 bis 600 Tonnen Gesamtertrag pro Jahr. Damit ist eine gewisse Basis da.»

Um den Berufsfischern aktiv unter die Arme zu greifen, gibt es mehrere mögliche Ansätze: «Mehr Netze pro Fischer», sagt Gert Meichle und nennt damit die erste der Möglichkeiten. Derzeit dürfen die Fischer mit jeweils sechs Netzen pro Patent hinaus. Was dagegen spricht: Mit der derzeitigen Netzzahl würden auch heute schon 95 Prozent der Felchen gefangen, sobald die Fanggröße erreicht ist, heißt es in einem Bericht der Fischereiforschungsstelle. «Es würden nur mehr Netze bei gleichbleibendem Ertrag verwendet.»

Was wäre noch denkbar? «Kleinere Maschen an den Netzen», sagt Meichle - fügt aber selbst hinzu, dass das keine gute Alternative sei. «Wir wollen ja gar nicht die ganz kleinen Fische fangen.» Die Fischereiforschungsstelle argumentiert ähnlich: Bei einem Netz mit einer Maschenweite von 38 Millimetern seien die Fische im Schnitt 25 Gramm leichter als in einem Netz mit 40 Millimetern. «Mit kleineren Maschenweiten wäre letztlich eine deutliche Fang-Einbuße verbunden.»

Am kontroversesten wird die dritte Alternative diskutiert: «Mehr Phosphat im Bodensee», sagt Gert Meichle. Beim Umweltministerium in Stuttgart schrillen dabei aber sofort die Alarmglocken: «Ein Umweltminister ist dazu da, die Qualität des Wassers zu verbessern und nicht zu verschlechtern», sagt Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). Den See zu düngen, würde nicht nur der EU-Wasserrahmenrichtlinie zuwiderlaufen - es sei auch nicht absehbar, welche Risiken das für komplexe Ökosystem des Bodensees mit sich bringen würde. «Ich schütte nichts rein, damit die Fische wieder dicker werden.» (dpa)
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