Montag, 04.07.2022 | 13:35:16
Vorsprung durch Wissen
schließen x
Suchbegriff
Rubrik
 Suchen
Das Informationszentrum für die Landwirtschaft
27.05.2022 | 15:06 | Bienenweide statt Steinwüste 

Wie Emdens Schottergärten grün werden

Emden - Während die Anwohner einer Emder Neubausiedlung im Stadtteil Wolthusen noch beim Frühstück sitzen, ist Heidi Schwarze schon in ihrem Element.

Schottergarten
Bild vergrößern
Für die einen sind Schottergärten praktisch und pflegeleicht, für die anderen leblose Wüsten. Mit einem ungewöhnlichen Wettbewerb bringt das Ökowerk in Emden nun mehr Grün in zehn Vorgärten der Stadt. (c) proplanta

Mitten in die leere Erde des Vorgarten eines Einfamilienhauses puzzelt die Gärtnerin eine Pflanze nach der nächsten an ihren künftigen Bestimmungsort. «Da sollte noch ein Oregano hin. Der ist perfekt für die Pizza», sagt Schwarze, blickt kontrollierend auf ihren Pflanzplan in einer Kladde und stellt dann einen Pott an die passende Stelle. «Oregano ist auch eine mega Bienenweide», ergänzt die Gärtnerin. Doch Bienen und andere Nützlinge suchte man bislang in diesem Vorgarten, in dem lediglich zwei Ahorn-Bäume für grüne Tupfer sorgen, wohl vergeblich.

Denn wo Schwarze jetzt nach und nach gelbe Kamille, Schafgarbe, Männertreu, Grasnelken, einen Schmetterlingsflieder und jede Menge Bodendecker zum Einpflanzen positioniert, lag noch einen Tag zuvor eine zentimeterdicke Schicht Schiefersteine.

Der Schottergarten bereitete selbst den Eigentümern einen trostlosen Anblick: «Mich hat der Garten schon die letzten zwei, drei Jahre gestört», sagt Claudia Hafen, die mit ihrer Familie in dem Haus wohnt. Als die Hafens vor einigen Jahren bauten, sollte der Vorgarten für sie und ihren Mann, die damals beide in Vollzeit arbeiteten, möglichst pflegeleicht sein. «Wir wollten einfach keinen Stress haben. Wir haben da gar nicht drüber nachgedacht, dass es auch ein wenig öde ist.»

Dass Heidi Schwarze und ihr Kollege Dieter König vom Emder Ökowerk nun an diesem Morgen den Garten der Hafens auf links drehen, liegt an einem eher ungewöhnlichen Wettbewerb der Umweltbildungseinrichtung, an dem sich die Familie beteiligte. Das Ökowerk hatte Anfang des Jahres im Rahmen des Projekts «Falterfreu(n)de» zusammen mit der Bingo-Umweltstiftung nach den zehn trostlosesten Schottergärten der Seehafenstadt gesucht - also Gärten, die überwiegend mit Schotter, Kies oder Mulch versiegelt sind. Im Gegenzug versprachen Ökowerker den Grundstückseigentümern die öden Schotterflächen in insektenfreundliche Vorgärten umzugestalten.

Naturschützer kritisieren bereits seit Längerem, dass immer mehr Gärten durch solche Schotterflächen versiegelt werden - nicht nur in Ostfriesland. «Wir wollten auf keinen Fall Stimmung machen gegen Schottergärten», sagt der Ökowerk-Projektleiter Frank Gaupels. Auch kämen Schotterwüsten in Emden nicht häufiger vor als anderorts.

Vielmehr solle mit dem Wettbewerb auf «lockere» Art ein Bewusstsein für den Arten- und Klimaschutz geschaffen werden. Denn mit einer passenden naturnahen und zugleich pflegeleichten Bepflanzung werde der Vorgarten nicht nur optisch aufgewertet. Das Grün wirke sich auch positiv auf das Mikroklima in Siedlungen aus, biete Insekten Lebensraum und nehme Starkregen besser auf als verdichtete Böden.

21 Bewerbungen gingen beim Ökowerk ein, aus denen eine Jury dann 10 Vorgärten auswählte. Vor allem junge Familien mit Kindern hätten sich beworben, die Lust hatten, an ihren Steinbeeten Hand an zu legen, sagte Gaupels. Der ungewöhnliche Wettbewerb sorgte für bundesweites Aufsehen. Selbst Kommunen aus Süddeutschland erkundigten sich bereits bei den Ostfriesen nach dem Projekt - und jüngst wurde die Aktion auch für den «Blauen Kompass» des Umweltbundesamtes nominiert.

Dabei sollte es reine Schottergärten laut niedersächsischer Bauordnung gar nicht geben. Denn demnach müssen nicht überbaute Flächen von Baugrundstücken Grünflächen sein, soweit sie nicht anders genutzt werden, etwa als Stellplatz oder Terrasse. Schotterflächen sind nur in «geringem Maße zulässig», wenn die Vegetation überwiegt.

Die Einhaltung überwachen die unteren Bauaufsichten bei den Kommunen. Doch das Vorgehen gegen Schottergärten erfolge in Niedersachsen «sehr unterschiedlich», teilt das Bau- und Umweltministerium in Hannover auf dpa-Anfrage mit. Eine Einschätzung, die auch Frank Gaupels teilt. Viele Kommunen hätten gar nicht die Kapazität, gegen Schottergärten vorzugehen. «Der Aufwand, alte Schottergärten auf Druck umbauen oder rückbauen zu lassen, ist enorm hoch.»

Stattdessen sei vielmehr an die Vernunft der Grundstückseigentümer zu appellieren, den Boden so wenig wie möglich zu versiegeln, teilt das Ministerium mit. Anreize wie das Emder Projekt seien dafür ein gutes Beispiel. Auch die Stadtverwaltung ist von dem Ansatz überzeugt. «Wir wollen die Menschen nicht sanktionieren, sondern lieber positiv abholen und überzeugen», teilt Rainer Kinzel, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Umwelt mit.

Für Claudia Hafen kam die Ausschreibung wie gerufen. «Das war die Chance, den Schottergarten loszuwerden.» Denn eine Umgestaltung hätten sie und ihr Mann schon länger erwogen - doch wohin mit all dem Schotter? Das sei bei den meisten Schottergärten tatsächlich die drängendste Frage, berichtet auch Gärtnerin Heidi Schwarze.

Ein Abnehmer sei nicht immer leicht zu finden. Für den Wettbewerb sprang das Ökowerk ein. Das Abräumen des Schotters sei tatsächlich «ein wahrer Kraftakt», sagt Schwarze. Den Schiefer trugen die Mitarbeiter des Ökowerks erst in mühsamer Handarbeit ab, lösten dann die unterliegende Folie und fuhren schließlich Mutterboden neu auf.

Und dann schließe da oft schon die zweite schwere Frage an, berichtet Schwarze: Wie den neu gewonnen Platz im Vorgarten richtig bepflanzen? Einen blütenprächtigen und zugleich pflegeleichten Vorgarten zu gestalten, schließe sich nicht aus, betont die Gärtnerin. Auf die richtige Auswahl der Pflanzen und Bodendecker komme es an. Aber ganz ohne Unkraut jäten und gießen komme ein Garten eben auch nicht aus.

Claudia Hafen gefällt ihr neuer Vorgarten. Auch einige Nachbarn hätten den Vorgarten schon neugierig inspiziert. Klar, noch brauche es ein bisschen Zeit, bis die Pflanzen wachsen und dichter werden, sagt die Besitzerin. Als nächstes will sie ein Insektenhotel und eine kleine Tränke aufstellen. «Da muss jetzt noch ein bisschen was hin, damit nicht nur die Pflanzen da sind, sondern auch noch ein bisschen mehr für die Insekten.» Eine erste Biene hat Familie Hafen bereits beim ersten Angießen der Pflanzen in ihrem neuen Vorgarten entdeckt.
dpa/lni
Kommentieren
weitere Artikel

Status:
Name / Pseudonym:
Kommentar:
Bitte Sicherheitsabfrage lösen:


  Weitere Artikel zum Thema

 Wissenschaftler legen Empfehlungen zum Schutz der Artenvielfalt vor

 Naturschutzbund Niedersachsen wird 75 Jahre alt

 Weltnaturgipfel: Umweltorganisationen unzufrieden nach Vorkonferenz

 G7 geschlossen und entschlossen gegen Russland?

 UN-Meereskonferenz unter Druck: Wir müssen jetzt handeln!

  Kommentierte Artikel

 Inzwischen mehr als 36.300 Ökobetriebe in Deutschland

 Kein frisches Geld für Umbau der Tierhaltung

 CDU-Sozialflügel fordert Steuersenkung auf Grundnahrungsmittel

 Russlands Getreideblockade löst Hungerkrise in Afrika aus

 Temperatursturz mit Gewittern, danach folgt die nächste Hitzewelle

 Ausgaben für Lebensmittel: Schränken sich Verbraucher zunehmend ein?

 Baden-Württemberg: Grün-Schwarz ringt heftig um Atomkraft

 Autofahrer besorgt über immer weiter steigende Kosten

 Landwirte protestieren vor Parlament in Den Haag gegen Umweltauflagen

 Fast 300 Schweine verhungert - Landwirt vor Gericht

Nachrichten
Agrarpolitik
Agrarwirtschaft
Unternehmen
Landtechnik
Pflanze
Tier
Bio
Wissenschaft
Wald & Forst
Umwelt
Energie
Verbraucher
Karriere
Landleben
Medizin
IT & Medien
Veranstaltungen
Neuerscheinungen
Service

Agrarnachrichten-Ticker
Schlagzeilen
Tags
Archiv
Premium-News
Agrar-Suchbegriffe
RSS-Channel
Markt & Preis
Warenbörsen
Mannheimer Produktenbörse
Südwestdeutsche Warenbörse
Frankfurter Produktenbörse
Stuttgarter Produktenbörse
Bayerische Warenbörse
Würzburger Produktenbörse
Vereinigte Getreide- u. Produktenbörse Braunschweig - Hannover - Magdeburg
Hamburger Getreidebörse
Bremer Getreide- und Futtermittelbörse
Getreide- und Produktenbörse Paderborn
Rheinische Warenbörse
Mitteldeutsche Produktenbörse - Berlin - Brandenburg
Mitteldeutsche Produktenbörse - Dresden
Mitteldeutsche Produktenbörse - Erfurt
Mitteldeutsche Produktenbörse - Halle
Börse Wien
Marktberichte

Warenterminmärkte
CBoT-Weizenpreis
CBoT-Maispreis
MATIF-Weizenpreis
MATIF-Rapspreis
MATIF-Maispreis
EUREX-Schweinepreis
EUREX-Ferkelpreis
Agrarmarkt-Widget
Glossar

Stellenmarkt
Stellenangebote
Stellengesuche
Jobwall
Agrarstudium
Grüne Berufe
Bewerbungstipps
Online-Journal

Marktplatz
Landtechnik
Traktoren
Traktorzubehör
Baumaschinen
Ersatzteile
Erntetechnik
Saattechnik
Fütterungstechnik
Räder
Bodenbearbeitung
Kommunalgeräte
Forsttechnik

Kleinanzeigen
Angebote
Gesuche

Büchermarkt
Angebote

Futtermittel
Suche
Rinderfutter
Kälberfutter
Milchviehfutter
Schweinefutter
Ferkelfutter
Eberfutter

Wetter
Agrarwetter Deutschland
Agrarwetter Baden-Württemberg
Agrarwetter Bayern
Agrarwetter Brandenburg
Agrarwetter Hessen
Agrarwetter Mecklenburg-Vorpommern
Agrarwetter Niedersachsen
Agrarwetter Nordrhein-Westfalen
Agrarwetter Rheinland-Pfalz
Agrarwetter Saarland
Agrarwetter Sachsen-Anhalt
Agrarwetter Schleswig-Holstein
Agrarwetter Thüringen

Wetterrückblick
Niederschlagsradar
Unwetterwarnung Deutschland
15-Tage-Temperaturtrend

Agrarwetter Österreich
Agrarwetter Schweiz
Agrarwetter Frankreich
Météo Agricole France
Agrarwetter Italien
Meteo Agricolo Italia

Profiwetter Deutschland
Profiwetter Österreich
Profiwetter Schweiz
Profiwetter Frankreich
Météo Professionnel France
Profiwetter Italien
Meteo Professionale Italia

Agrarwetter.net

Agrar-Branchenbuch
Alle Rubriken
Produktverzeichnis
Firmenverzeichnis

Behörden
Bildungseinrichtungen
Organisationen
Bio-Handel
Fruchthandel
Direktvermarkter
Innenwirtschaft
Landhandel
Landtechnik
Lohnunternehmen
Pflanzenproduktion
Tierproduktion
Verarbeitung
Beratung
Energie
Hofurlaub
Veranstaltungen
Garten- und Landschaftsbau
Maps
Bodenpreise
GVO

Agrarforum

Veranstaltungen
Messen Ausstellungen
Tagungen Kongresse
Workshops Seminare Vorträge
Info-Veranstaltungen
Feldtage
Auktionen
Feste
Wettbewerbe
Traktor-Pulling

Infothek

Lexikon: 
Landwirtschaft Unkräuter

Wörterbuch: 
Landwirtschaft Landtechnik Pflanzenkrankheiten Pflanzenschädlinge Unkräuter Nutztiere Tiergesundheit

Pflanze: 
Mais Weizen Gerste Roggen Reis Raps Sonnenblume Sojabohne Baumwolle Zuckerrübe Kartoffel Wein Tabak

Tiere: 
Rind Schwein Schaf Ziege Geflügel


Ratgeber

Umfrage

Mediathek
Fotos
Videos
Pflanzenbauberater
PSM-Suche
Pflanzenschutzmittel
Neuzulassungen
Ablauffristen
Aufbrauchfristen
Abgelaufene Mittel
Zulassungsverlängerungen
Auflagen

PSM-Empfehlungen
Herbizide
Fungizide
Insektizide Getreide
Wachstumsregler Getreide

Sorten-Suche
Neue Sorten
Pflanzenzüchter

Regionale Empfehlungen

Garten-Ratgeber
Für angemeldete User
Stellenanzeige schalten
Kleinanzeige schalten
Eintrag ins Branchenbuch
Online-Landvermessung
Wetter-Profile anlegen
Projekte in Maps anlegen
Newsletter-Profil anlegen
Zugang Unkraut-Lexikon
Zugang Premium-News
E-Markttelegramm abonnieren

zur Anmeldung
Service
Bannerschaltungen
Newsticker
Agrarfotos
PR-Meldungen
Agrarmarkt-Informationen
Agrarmarkt-Widget
Wetterfenster für Homepage

Info + Preise

Kontakt