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31.05.2021 | 15:19 | Bedrohte Arten 

Rettet Zucht fleischfressende Pflanzen?

Ludwigsburg - Eine sieht aus wie eine mit Wasser gefüllte Kloschüssel. Eine andere ist mit vermeintlichen Tautröpfchen übersät, die bei Kontakt klebrige Fäden ziehen.

Fleischfressende Pflanze
Sie werden illegal ausgegraben, ihre Lebensräume sind bedroht, auch Überdüngung schadet ihnen sehr: Fleischfressende Pflanzen sind in vielen Regionen weltweit bedroht. Forscher sehen einen Weg, die faszinierenden Exoten zu retten - über Maßnahmen hier in Deutschland. (c) proplanta

Und in einer Venusfliegenfalle liegt noch der leere Chitinpanzer einer Fliege. Mehr als 1.000 Arten und Sorten fleischfressender Pflanzen hat Matze Maier in seinen Gewächshäusern stehen.

Zu seiner Sammlung zählen sehr seltene Arten wie die Kannenpflanze Nepenthes clipeata, die nur an einem einzigen Berg auf Borneo wächst. Und Exemplare aus der Gruppe der Schlauchpflanzen (Sarracenia), die in ihrer eigentlichen Heimat an der US-Ostküste nicht mehr in der Natur vorkommen. «Da wurden Sumpfgebiete trockengelegt für Bauland», sagt Maier. Auf Borneo wiederum würden die Habitate geplündert. «Dafür sind die Sammler verantwortlich, die das Besondere wollen.»

Solche Themen greift er auch in seinem Youtube-Kanal «Green Jaws» auf. Die gleichnamige Fachgärtnerei hat er vor acht Jahren in Ludwigsburg bei Stuttgart gegründet. Im Internet gibt er Tipps, wie man zum Beispiel einen Moorkübel anlegt und welche der Karnivoren - wie fleischfressende Pflanzen genannt werden - winterhart sind.

Mit anderen Züchtern auf der ganzen Welt steht Maier im Austausch, um die Pflanzen zu erhalten. Samen seltener Arten würden für Hunderte Euro verkauft, sagt er. Und wenn bei einem eine weibliche Nepenthes-Pflanze blühe, beim anderen zeitgleich eine männliche, würden Pollen zur Bestäubung um den halben Erdball geschickt.

Ein bisschen klingt das so wie bei den Artenschutzprogrammen von Zoos etwa für Eisbären und Nashörner. Ein Viertel der rund 860 fleischfressenden Pflanzenarten weltweit sind einer Studie zufolge in freier Wildbahn vom Aussterben bedroht. 

Ein großes Problem ist neben der Zerstörung von Lebensraum und illegalen Sammlungen vor allem die Überdüngung mit Stickstoff aus der Industrie, dem Verkehr oder der Landwirtschaft, wie das Forscherteam um den Münchner Botaniker Andreas Fleischmann feststellte. Karnivoren brauchen nährstoffarme Böden. Auch Klimawandel und Umweltverschmutzung sorgen für Probleme.

Der Erhalt der fleischfressenden Pflanzen sei auch aus medizinischen Gründen wichtig, sagt Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München: «Viele enthalten Stoffe, die in der Krebsforschung genutzt werden.» Um nach bisher unbekannten Bestandteilen und deren Einsatzmöglichkeiten zu suchen, brauche es eine natürliche Vielfalt.

Kann die heimische Zucht hier Abhilfe schaffen, gar eine Lösung sein? Fleischmann ist skeptisch, wenn es um die Zerstörung von Ökosystemen geht. Er wählt einen Vergleich: «Wenn die natürlichen Lebensräume verloren gehen - was nützt es dem Pandabären, dass er im Zoo überlebt?» Auf diese Weise - ex-situ genannt, also außerhalb des ursprünglichen Ortes - werde nur das genetische Material erhalten. «Das erste Ziel sollte aber der Schutz von Lebensraum sein.»

Andere sehen die Zucht gerade bei besonders bedrohten Arten durchaus als Mittel zum Gegensteuern, wie der Vorsitzende der Gesellschaft für Fleischfressende Pflanzen, Thomas Gronemeyer, erklärt. «Beides ist richtig. Eine in der Natur ausgestorbene Art kann natürlich durch Zucht und Kultur vor dem vollständigen Verschwinden bewahrt werden, allerdings ist der Genpool der Wildpopulationen verloren.»

Gegen das Artensterben durch das Sammeln von Wildpflanzen leiste die Zucht jedoch unstrittig einen sehr wichtigen Beitrag: «Die Zucht und die Verbreitung von gezüchteten Pflanzen verhindert zwar nicht, aber dämmt doch zumindest das Sammeln von Pflanzen von den Naturstandorten durch Verringerung der Nachfrage ein», so Gronemeyer. Ein Großteil der bekannten Arten karnivorer Pflanzen werde in Kultur vermehrt.

Nach Gronemeyers Schätzung gibt es rund 1.000 private Züchter oder Sammler im deutschsprachigen Raum. Hinzu kommen unzählige Menschen, die zum Beispiel im Baumarkt eine Venusfliegenfalle, einen Sonnentau oder ein Fettkraut mitnehmen. Professionelle Züchter gibt es hierzulande Gronemeyers Angaben zufolge nur drei weitere neben Maier.

Der bekommt Anfragen aus der ganzen Welt, wie er sagt, verkauft aber nur innerhalb Europas - wegen der aufwendigen Formalien, die für Lieferungen etwa in die USA nötig seien. Maier warnt vor vermeintlichen Lockangeboten mit ganz seltenen Arten. «Ein seriöser Züchter kann immer auch Bilder der Mutterpflanze zeigen», rät er. Auf Plattformen wie eBay werde häufig gewilderter Samen angeboten.

Wie bei Kakteen und Orchideen gebe es für Karnivoren einen richtigen Schwarzmarkt, sagt auch Botaniker Fleischmann. «Da werden horrende Preise bezahlt. Das sind Monatsgehälter für die dortige Bevölkerung», erklärt er mit Blick etwa auf Indonesien und die Philippinen. Der Zoll müsse hier stärker kontrollieren. Auch die Strafen für die illegale Einfuhr sollten aus seiner Sicht erhöht werden.

Maier arbeitet noch an einem anderen Aspekt, der im Zusammenhang mit der Karnivoren-Haltung umstritten ist: dem Torfbedarf der Pflanzen. Er experimentiert mit verschiedenen Materialien an einem Erdersatz, der ohne Torf auskommt. Denn Torf in Mooren speichert neben Wasser auch Kohlenstoffdioxid.

Der Abbau steht stark in der Kritik. «In Gartenerde braucht man eigentlich keinen Torf, bei fleischfressenden Pflanzen kommen wir noch nicht drumrum», sagt Maier. Mit Kokoschips, Pinienrinde und sogenanntem Perlit - vulkanischem Glas - sei er aber auf gutem Weg, auf Torf verzichten zu können.
dpa
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