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16.04.2021 | 11:10 | Öko-Landwirtschaft 

Bio-Lebensmittel: Von der Randerscheinung zum Massenprodukt?

Frankfurt/Mainz - «Wir waren die Körnerfresser. Die Durchgedrehten.» Als sich Gertrud und Herbert Pfeifer Ende der 1970er Jahre entschieden, ihren Bauernhof vor den Toren Frankfurts nach ökologischen Kriterien auszurichten und Kunstdünger, Pestiziden und Co. abzuschwören, schlug ihnen in ihrem Ort Unverständnis entgegen.

Öko-Lebensmittel
Lebensmittel gehen immer. Und Bio erst recht. Seit Jahren verzeichnet die Öko-Landwirtschaft Zuwächse. Auch Corona ändert nichts daran - im Gegenteil. Von diesem Boom profitiert auch Bioland. Der größte Bio-Anbauverband in Deutschland feiert jetzt seinen 50. Geburtstag. (c) proplanta

«Drei Jahre gebe ich euch, dann seit ihr weg, sagte uns damals ein anderer Bauer», erinnert sich die 74-jährige Hofbesitzerin zurück. Jahrelang ging das so weiter mit der düsteren Vorhersage.

Der skeptische Kollege hatte sich getäuscht: Mittlerweile gibt es in dem Ort am Hang des Taunus keinen einzigen konventionellen Landwirtschaftsbetrieb mehr. Die Pfeifers hingegen haben die Fläche ihres Biohofs von 10 auf 70 Hektar vergrößert.

Im Laufe der Jahre haben die Bauern ihr Sortiment erweitert, tatkräftig unterstützt von ihrem Sohn Andreas. Ein schwere Krankheit, die der heute 50-Jährige als kleines Kind hatte, brachte seine Eltern damals dazu, über Gesundheit, Lebensmittel, Umwelt und Landwirtschaft gründlich nachzudenken - und daraus ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

Schritt für Schritt stellten sie ihren Nebenerwerbsbetrieb um, erweiterten Hof und Sortiment. 1980 schlossen sie sich dem Bioland-Verband an. Sie gehören damit zu den Pionieren des heute nach eigenen Angaben größten deutschen Bio-Anbauverbands, der in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag feiert.

In ihrem kleinen Hofladen, der viermal die Woche geöffnet hat, bieten die Pfeifers heute jede Menge Getreideprodukte an - die einstigen «Körnerfresser» wissen, was sie ihrem Ruf schuldig sind. Aber auch Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch aus eigener Schlachtung gibt es.

Herbert Pfeifer ist schließlich gelernter Metzger. Geschlachtet wird mit EU-Zulassung auf dem eigenen Hof. Nicht immer einfach für den 75-Jährigen, auch aus emotionalen Gründen. «Da hat man auch schon mal eine Träne in den Augen», sagt er über das Schlachten. Den Tieren erspart der Tod auf dem Hof den Stress längerer Fahrten zum Schlachthof.

Viele der rund 50 Rinder in dem Stall haben einen Namen, abzulesen auf einem kleinen gelben Band. Die Kälber dürfen länger als in konventionellen Betrieben bei ihren Müttern bleiben. Milch liefern die Kühe, die keine Jungtiere mehr säugen. Die Hörner hat man ihnen allen gelassen - trotz Verletzungsgefahr. Das gehöre sich so, finden die Pfeifers. Zu fressen bekommen die Rinder nur, was der Hof selbst erzeugt: Silage, Heu und Kraftfutter etwa. Wenn das Wetter es zulässt, dürfen Mütterkühe und Kälber demnächst auch wieder auf die Weide - bis zum Herbst.

Bereits jetzt freien Auslauf haben die etwa 250 Hühner, die in einem «Hühnermobil» auf einem der vielen Äcker ihr Domizil haben. Den Tag über scharren sie auf der Wiese, abends klettern sie in ihren Unterschlupf, bevor die vollautomatische Klappe sich schließt.

Die Kunden des kleinen Bio-Betriebs kommen meist aus dem Frankfurter Speckgürtel, weniger aus dem Bad Sodener Stadtteil Altenhain, in dem sich der Hof befindet. Stammkundschaft vor allem. Die Kundenzahlen schnellten immer hoch, wenn mal wieder ein Lebensmittelskandal die Verbraucher verunsichert, erzählt die 74-Jährige. Auch zum Höhepunkt der Corona-Krise ging es bei den Pfeifers rund: «Da standen die Kunden Schlange bis auf die Straße».

Dieses starke Interesse ist nicht nur im Taunus zu beobachten. Knapp 15 Milliarden Euro haben die Deutschen im Corona-Jahr 2020 für Bio-Lebensmittel und -Getränke ausgegeben, wie der deutsche Bio-Spitzenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in seinem Branchenreport mitteilt. Der Umsatz mit Biolebensmitteln stieg den Angaben zufolge um 22,3 Prozent.

«Viele Menschen arbeiten im Homeoffice und kochen selbst», erklärt Gerald Wehde, Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation bei Bioland. «Dabei achten Sie immer mehr auf die Qualität und Herkunft der Lebensmittel und landen bei Bio, möglichst aus dem Umfeld.» Der Verband freue sich über den Boom, weil damit auch der Bio-Landbau stetig wachse.

Bioland wächst bei dieser Entwicklung mit und ist nach eigenen Angaben mit 8.504 Betrieben auf einer Gesamtfläche von 475.068 Hektar (Stand Januar 2021) Deutschlands größter Bio-Anbauverband. Die vor drei Jahren getroffene und damals nicht unumstrittene Entscheidung, Bioland-Produkte auch beim Discounter Lidl in die Regale zu bringen, hat sich nach Einschätzung des Verbands bewährt. «Mit der Ausdehnung unserer Partnerschaften im Handel erreichen wir immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher, die zuvor noch keinen Zugang zu Bioland-Produkten hatten», betont Wehde.

Grundlage der Bio-Lebensmittelwirtschaft ist nach BÖLW-Angaben die EU-Öko-Verordnung, die seit 1991 in Kraft ist und stetig weiterentwickelt wird. Sie gilt für pflanzliche und tierische Lebens- und Futtermittel aus ökologischer Landwirtschaft und ökologischer Verarbeitung, soll für fairen Wettbewerb sorgen und Verbraucher vor Irreführungen schützen. Die Vorschriften nationaler Bio-Verbände wie Bioland und Demeter gehen in einigen Bereichen über diese Vorgaben hinaus und unterscheiden sich untereinander.

Nach Ansicht von Bioland machen es der Klimawandel und der Verlust der Biodiversität in der Agrarlandschaft notwendig, die gesamte Landwirtschaft stärker an ökologischen Kriterien auszurichten. Dafür seien die hohen Umweltfolgekosten einer zu intensiven Bewirtschaftung und Massentierhaltung zu berücksichtigen. Daher fordere Bioland die Einführung von Abgaben auf synthetische Pestizide und Stickstoffmineraldünger, erklärte Geschäftsleiter Wehde.

Zur Förderung des Bio-Landbaus müsse die Politik geeignete Rahmenbedingungen setzen, fordert er. So müssten bei der Umsetzung der EU-Agrarpolitik auf Bundes- und Länderebene die zur Verfügung stehenden Fördergelder für die Landwirtschaft viel stärker Leistungen im Umwelt-, Klima-, und Tierschutz berücksichtigen.
dpa
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