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11.03.2021 | 12:17 | Fleischproduktion 

Tönnies zur hoch technisierten Landwirtschaft: Romantik muss aufhören!

Rheda-Wiedenbrück - Der Vater von Bernd und Clemens Tönnies hatte sechs Kinder. Pro Woche schlachtete der Metzger sieben Schweine. 

Clemens Tönnies
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Große Ställe, große Schlachtbetriebe - wie geht es weiter in der Branche? Clemens Tönnies unterstützt die Forderung, dass Landwirten für mehr Tierschutz finanziell unter die Arme gegriffen wird. (c) tönnies

Aus Respekt vor dem Tier und Achtung vor der Qualität, wie Clemens Tönnies heute über seine Kindheit erzählt. Verkauft wurden die Waren auf Märkten in Düsseldorf und Sennestadt. Das war vor über 50 Jahren. Seitdem hat sich einiges getan: Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen ist heute Deutschlands größer Schlachtbetrieb und wird in diesen Tagen 50 Jahre alt. Aus sieben Schweinen pro Woche wurden bis zu 25.000 am Tag. Bis vor der Corona-Krise hatten die Behörden 30.000 genehmigt.

Tönnies mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz (2019) steht zwischen den Fronten: Landwirten sind die Kilopreise beim Schweinefleisch zu gering, Tierschützer lehnen industrielles Schlachten ab, und seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies im Frühjahr 2020 ist die Politik nicht mehr gut zu sprechen auf die Firma, die seit Jahren von Mitgesellschafter Clemens Tönnies (64) repräsentiert wird.

«Das Jahr hat Narben hinterlassen, ganz eindeutig. Es hat sich ein bisschen verheilt dadurch, dass erkannt ist, dass wir einen Unfall hatten», sagte der gelernte Metzger Clemens Tönnies der Deutschen Presse-Agentur - kurz vor dem Stichtag 9. März, an dem sein 1994 verstorbener Bruder Bernd vor 50 Jahren ein Gewerbe für den Verkauf von Fleischprodukten angemeldet hatte.

Abschießend juristisch bewertet ist das noch nicht. Die Ermittlungen der Polizei Gütersloh und Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz sind noch nicht beendet. Am Verwaltungsgericht Minden läuft eine von Tönnies eingereichte Klage gegen die wochenlange Schließung im Frühjahr 2020. Clemens Tönnies will wissen, mit welcher Begründung sein Betrieb über Wochen lahmgelegt wurde.

«Hätte man uns, so wie andere Betriebe, nur für 7 bis 10 Tage geschlossen, hätte es diesen Schweinestau nicht gegeben. Aber die Stimmung war so aufgeheizt, das war behördlich nicht durchzusetzen.» Offen war, warum weltweit Schlachtbetriebe von positiven Corona-Tests betroffen waren. Wissenschaftler wie die Virologin Melanie Brinkmann fanden heraus, dass das Virus bei Tönnies durch die extreme Kühlung über die Umluft über 8 Meter verteilt wurde.

Zuvor hatten Behörden den Betrieb für Wochen geschlossen - nachdem es zuvor das Westfleisch-Werk in Coesfeld erwischt hatte. Die Geduld der Politik war nach Infektionen unter Werkvertragsarbeitern auch bei Tönnies-Konkurrenten Westfleisch oder Vion am Ende. In der Folge wurden zum 1. Januar 2021 Werkverträge bei Großbetrieben untersagt.

Tönnies versteht sich als ehrbarer Kaufmann, sein Handschlag zähle. Seinen Kritikern geht es um das große Ganze. «Tönnies steht im Grunde stellvertretend für ein kaputtes Fleischsystem, das vor die Wand gefahren ist. Die Probleme aber sind überall vorhanden. Schweine und Rinder werden im Akkord geschlachtet, jeder Handgriff ist durchgetaktet. Das birgt Tierschutzprobleme», so der Tierschutzbund.

Der betont, dass sich das Unternehmen mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück immer offen für Gespräche gezeigt habe, «aber es kam leider nicht zu tiefergreifenden Veränderungen im Sinne des Tierschutzes». Und klar sei, dass es keine «Tönnies-Frage», sondern eine Systemfrage gebe.

Und die müsse von der Politik endlich geklärt werden. In die Debatte ist Bewegung gekommen, seit eine Expertenkommission um den früheren Agrarminister Jochen Borchert (CDU) vor einem Jahr ein Konzept vorgelegt hat - samt der favorisierten Idee einer «Tierwohlabgabe», um den Umbau für mehr Platz, Luft und Licht im Stall zu finanzieren.

Tönnies-Konkurrent Vion aus den Niederlanden begrüßt das Borchert-Papier, «weil es deutlich macht, dass die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung staatliche Unterstützung braucht», wie eine Sprecherin sagt. Den Plan umsetzen könnten aber nur Landwirte. Als Aufforderung an die Branche und Selbstverpflichtung zugleich sieht Vion den Aufbau von Lieferketten, die die Fleischproduktion aus einem angebotsgetriebenen in einen nachfragegetriebenen Markt überführen.

Carsten Schruck, geschäftsführender Vorstand bei Westfleisch, sieht das ähnlich: «Klar ist: Themen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Tierschutz werden weiter an Bedeutung gewinnen. Hier gilt es, Lösungen zu entwickeln und zu etablieren, die von Konsumenten, Handel und Landwirtschaft getragen und gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden.» Bereits heute seien deutsche Landwirte weltweit führend bei Nachhaltigkeitsfaktoren wie Tierhaltung, Futtermittel oder Energie.

Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, liefert als Landwirt Schweine an Tönnies. «Ich bin mir sicher, dass sich im Laufe der nächsten Jahre die Zahl der gehaltenen Tiere verringern wird. Es wird weniger Nutztiere, auch weniger Schweine geben.» Bei der Größe der Schlachtbetriebe ist er hin und her gerissen: «Als Gegenpole zu den großen Betrieben sind die kleineren Schlachthöfe wichtig. Und für das Tierwohl - Stichwort Transportzeiten - sind Schlachthöfe in der Fläche auch besser.» Heute sei aber niemand mehr bereit, freiwillig einen Schlachthof zu bauen.

Die Deutsche Umwelthilfe wirft Schlachtbetrieben vor, «dass den Landwirten seit Jahren versprochen wird, dass der Weltmarkt immer weiter wächst. Aber Arbeit und Boden in Deutschland sind teuer.» Wenn Schlachthöfe mithalten wollen, haben sie nur eine Chance, wenn Bauern unter Preis liefern und praktisch Eigenkapital abbauen. Bei den Borchert-Vorschlägen müsse Klimaschutz mit einberechnet werden.

Clemens Tönnies will klarer definieren, worüber geredet wird. «Was bedeutet Massentierhaltung? Es geht doch darum: Wie geht es dem Schwein in seiner Bucht und nicht, wie viele Buchten gibt es in dem Stall.» Diese Romantik müsse einfach aufhören: «Wenn wir nicht wollen, dass Schweine im geschlossenen Stall sind, dann müssen wir die gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten und müssen dem Landwirt fairerweise vergüten, was er an Abriss- oder Umbaukosten hat.»

Der Tierschutzbund will kleinere Betriebe und mehr regionale Strukturen. «Und natürlich muss das Fleisch teurer werden, der Mehrerlös zweckgebunden zur Stärkung des Tierschutzes eingesetzt werden - zum Nulltarif werden weder mehr Tierschutz noch bessere Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und im gesamten Tiernutzersystem realisierbar sein», sagt Sprecherin Lea Schmitz. Der Bund für Umwelt und Naturschutz stellt vergleichbare Forderungen und versucht, mit Hilfe des Umweltrechts, Werksvergrößerungen zu verhindern.
dpa
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